Dienstag, 16. August 2011

Stephenie Meyer: "Bis(s) zum Morgengrauen"


Ich habe das erste Buch der "Twilight"-Reihe gelesen. Es hat mir nicht gefallen. Natürlich war mir aufgrund der Filme bewusst, dass ich nicht allzu viel erwarten durfte - aber ist ein Buch nicht normalerweise besser als dessen Verfilmung? Und diese riesige Fanmasse - irgendwoher musste die doch kommen! So wurde meine investigative Seite geweckt und ich musste dieses Phänomen komplett erforschen, musste an die Quelle gehen.

Für die wenigen Leute, die es bisher irgendwie geschafft haben, dem "Twilight"-Hype komplett zu entgehen (Glückwunsch!... Wie habt ihr das geschafft? Die letzten Jahre in einer Höhle im Dschungel verbracht?!), hier kurz zur Handlung (ich benutze diese Bezeichnung im weitesten Sinne): Bella Swan zieht vom sonnigen Phoenix zu ihrem Vater ins grau-regnerische Forks. Sie findet das ziemlich blöd, aber selbstlos wie sie ist, lässt sie sich es kaum anmerken. In der Schule wird sie auf Edward Cullen aufmerksam, der wunderschön und unnahbar ist. Sie ist von ihm fasziniert, er von ihr, nur ist er dummerweise ein Vampir. Komplikationen treten auf, dauern an, werden überwunden.

Stephenie Meyer ist es irgendwie gelungen, mit diesem Buch einen Nerv zu treffen, und zwar v. a. bei jugendlichen Mädchen und Frauen über 40 (ja, ich weiß auch nicht, wieso! Es gehört zum Phänomen dazu und ist irgendwie beängstigend.). Bei vierzehnjährigen Mädchen kann ich mir auch vorstellen, dass es ganz gut ankommt - es lädt zum schmachten ein und bietet viel Identifikationspotential. Außerdem weiß der Großteil der Mädchen in diesem Alter vermutlich nichtmal, wie wirklich gute Literatur aussieht. Frauen über 40 haben keine Entschuldigung. Keine!

Es folgen Spoiler. Nicht, dass ich irgendwelche bahnbrechenden Handlungswendungen spoilern könnte...

Was ist gut?
Nicht besonders viel. Hin und wieder hat Meyer ein paar lichte Momente und findet lustige Formulierungen oder einen ironischen Kommentar. Das passiert leider viel zu selten, aber ab einem gewissen Punkt war ich dankbar für jeden winzigen Strohhalm, den ich kriegen konnte.

Interessant fand ich den Hintergrund der Familie Cullen bzw. das bisschen, was man darüber erfährt. Meyer hat die Tendenz, damit ganz gut anzufangen und dann die Szene schnell wieder zu wechseln. Dabei war all das wesentlich interessanter als die Hauptgeschichte, aber dazu später. Anhand der Film erahne ich, dass Meyer dem Leser diese Informationen nur häppchenweise serviert; ärgerlich, irgendwo ist da nämlich tatsächlich ein gutes Buch versteckt.
Als Charaktere mochte ich, genau wie schon im Film, alle Cullens bis auf Edward. *g* Auch Jacob war ganz in Ordnung, in den wenigen Momenten, die er hat.

Die Sprache ist sehr einfach und damit leicht zu lesen. Ist man geneigt, dann kann man das Buch in wenigen Stunden auslesen. Nervig sind einige Wiederholungen - Meyer hat anscheinend Lieblingsphrasen, die sie immer wieder einsetzt, besonders wenn es darum geht, Edwards Perfektion zu beschreiben. *seufz*


Was ist schlecht?
Alles andere? Ach, ihr wollt es etwas ausführlicher? Nun denn, dann mal schön der Reihe nach.

Bella. Problem: Ich kann sie absolut nicht ausstehen! Was ungünstig ist, da sie die verdammte Protagonistin und noch dazu Ich-Erzählerin ist! Quält euch mal durch über 500 Seiten Ich-Perspektive von einer egoistischen, langweiligen, pubertären Göre, die erste Verliebtheit mit ewiglich inniger, einzig wahrer Liebe verwechselt! Nach den ersten fünf Seiten hatte ich das Weib sowas von über! Sie meckert darüber, dass sie ins eklig-nasse Forks ziehen muss zu ihrem Vater, den sie kaum kennt, weil ihre Eltern sich vor Ewigkeiten trennten (und viel zu jung heirateten und überhaupt). Und sie will da nicht hin und es ist einfach alles doof! In Forks spielt sie brav Hausmütterchen für ihren Vater, der sich die letzten 16 Jahre ja nicht allein versorgen konnte. Und ich frage mich: 1. Warum ziehst sie nach Forks, wenn sie gar nicht hin will und ihre Mutter sagt, sie könne bei ihr bleiben?! Ach, weil der Leser drei Kapitel später erfährt, dass sie das aus purer Selbstlosigkeit macht, damit ihre Mutter mit ihrem neuen Macker durch die USA ziehen kann. Alles klar. 2. Warum bleibt sie dann nicht allein in Phoenix und versorgt sich selbst, kochen und putzen kann sie ja anscheinend?! 3. Was ist soooo unglaublich schlimm an Forks, außer dass es häufig regnet?
Bella will natürlich auch bloß nicht auffallen, war auch schon immer jemand, der mit Gleichaltrigen nicht wirklich auskam, und ist dazu noch total einsilbig, als in der Schule gleich alle nett zu ihr sind! Echt mal, wie können diese Dörfler es wagen, ihr den Weg zeigen zu wollen oder ihr ihre Namen zu nennen, oder sie mit sich am Tisch sitzen zu lassen! Ehrlich, sowas Unverschämtes! Ganz abgesehen davon, dass sie sofort von Verehrern umschwärmt wird, obwohl sie nicht einmal besonders gut aussieht. *seufz*
Dazu ist sie unglaublich tollpatschig. Wäre es nur ein Stolpern hin und wieder, okay. Aber sie schafft es nicht, zwei Meter zu laufen, ohne sich auf die Nase zu legen. Sie passt beim Aufstehen immer extragründlich auf, damit sie nicht hinfällt! Kann es solch schlimme Bewegungslegastheniker überhaupt geben?! Irgendwann nervt es nur noch, wenn zum hundersten Mal erwähnt wird, dass Edward sie festhalten musste, damit sie nicht über die bösen Farnsträucher fällt.
Hobbies hat sie auch kaum welche. Ich habe extra drauf geachtet, weil sie in den Filmen gar keine hat (nein, das suizidiale Motorradfahren zählt nicht!). Sie liest gerne, v. a. Klassiker. Sie hört ganz gern Musik. Hm... tja... sie verbringt am liebsten Zeit mit Edward.


Edward. Da ist mein zweites Problem! Der ist ja noch mehr leere Hülle als Bella. Er hat eine große Musiksammlung und komponiert auch selbst. Er spielt gern Vampirbaseball (as you do). Er rennt gern durch den Wald. Und hat eine Lieblingswiese. Ansonsten ist er einfach nur ein wirklich unheimlicher Stalker. Denn seht ihr, er ist ein Vampir und für ihn riecht Bella so unglaublich gut, dass er nur noch sie im Kopf hat. Und deshalb beobachtet er sie ständig, rettet ihr hin und wieder das Leben, lässt sie nichts alleine machen (sie darf nicht mal mehr ihren eigenen Wagen fahren, denn sie könnte ja einen Unfall haben), sieht ihr beim Schlafen zu, ohne dass sie es weiß - und sie findet es romantisch. Hallo?! Ihr kennt euch seit wenigen Wochen!
Ich vergaß zu erwähnen, dass Edward gut aussieht. Wie gut? Er ist ein Engel, eine griechische Statue, ein Adonis, so wunderschön, dass Bella kaum atmen kann, wenn sie ihn anschaut, so schön ist er. Er ist wirklich sehr schön. Wirklich. Wie ein Engel. Ein ganz wunderschöner.
Mir gingen Edwards Stimmungsschwankungen sehr schnell sehr stark auf die Nerven. Der Typ ändert seine Laune innerhalb eines Satzes! Von fröhlichem Kichern zu wütendem Knurren in einem Wimpernschlag! Aber das ist natürlich nur sein Beschützerinstinkt.

Die "Liebe" zwischen Edward und Bella. Was ist das? Die beiden haben so gut wie nichts gemeinsam! Sie liebt ihn, weil... er heiß aussieht, schätze ich mal, und sie von ihm fasziniert ist, er ist schließlich ein mysteriöser Vampir und so. Da Bellas Überlebensinstinkt nicht-existent ist, ist das wohl okay so. Und er liebt sie, weil... sie gut riecht. Und er ihre Gedanken nicht lesen kann, was sie für ihn wohl leidlich interessant macht.
Es ist ja ganz nett, dass Meyer versucht, Bella sozusagen als Edwards Rettung zu etablieren, da er, im Gegensatz zu seinen "Geschwistern" , seit hundert Jahren alleine vor sich hin schmollt und keine Partnerin hat. Nur möchte ich als Leser ein paar Gründe mehr dafür haben, dass das zwischen Bella und Edward die wirklich große Liebe ist. So, wie es ist, schreit es mir förmlich ins Gesicht: "Das ist Liebe, weil ich es sage!" Show, my dear, don't tell!
Ganz abgesehen davon, dass die Beziehung nicht gerade eine gesunde ist: Er ist ein Stalker, sie kann nicht ohne ihn leben (sie denkt nur an ihn, macht ihr Glück von ihm abhängig usw.). Meyer versucht zwar, uns Bella als modernes Mädchen zu präsentieren, scheitert aber immer wieder kläglich. Bella will zum Vampir werden, um ewig mit Edward zusammen bleiben zu können und ihm ebenbürtig zu sein. Kurz darauf kommen dann wieder Sätze wie "Er ignorierte, was ich sagte". Und das passiert ständig! Andauernd sagt Bella ihre Meinung zu irgendetwas und Edward beachtet es gar nicht, denn er weiß ja am besten, was gut für sie ist und was sie wirklich will! ... Hallo?!

Handlung. Wenn man das so nennen kann. Zirka 400 Seiten lang passiert nichts! Alles tritt auf der Stelle, Bella und Edward haben zum x-ten Mal ihre Unterhaltung darüber, dass er nicht gut für sie ist und sie umbringen könnte, wenn er die Kontrolle verliert, während ihr das egal ist und sie nur mit ihm zusammensein will. Und plötzlich, so als ob Meyer einfiel, dass langsam doch mal etwas passieren sollte oder, nun ja, ein richtiger Konflikt auch mal ganz nett wäre, tauchen drei andere Vampire auf, von denen einer es auf Bella abgesehen hat. Ein leicht konfuser Plan soll Bella retten, aber sie schafft es natürlich trotzdem, wieder beinahe draufzugehen.
Leider viel zu spät, Meyer. Aber es ist ja der Gedanke, der zählt, nicht wahr?

Action. Es gibt keine. Ich meine, da hätten sich ein paar Szenen durchaus für interessante und spannende Action angeboten, wäre Meyer eine flexiblere Autorin - das Baseballspiel hätte man deutlich rasanter schildern können, und die letzte Konfrontation im Ballettsaal? Das war peinlich. Da hat man schon mal einen Kampf, und da lässt Meyer die blöde Bella wieder mal in Ohnmacht fallen, sodass dem Leser selbst dieser Hauch an Spannung vorenthalten wird! Unglaublich!

Klischees. Gibt's auch. Von der ach-so-konfliktbeladenen Liebesgeschichte einmal abgesehen, nervt es, dass Bella sofort von allen Mitschülern umschwärmt wird. Sie muss ständig gerettet werden, da sie alleine ja nicht einmal geradeaus laufen kann - natürlich gibt es dabei die beinahe schon obligatorische Beinahevergewaltigung, wovor sie der strahlende Held (im Volvo der Gerechtigkeit) gerade noch rechtzeitig retten kann. Von der Sprache mit ihren ständigen "Engel"- und "Statuen"-Vergleichen einmal abgesehen. Das "starke Arme"-Klischee wird hier auch sehr überreizt, da Edward anscheinend kalt und hart wie Stein ist. Ich weiß zwar nicht, wie Bella das angenehm finden kann, aber egal.

Und dann noch alle möglichen anderen Kleinigkeiten, die sich einfach summieren. Fehler innerhalb der Welt, wenn Meyer einmal sagt, dass Vampire nicht atmen, schlafen oder einen Herzschlag haben, nur damit Bella ständig ganz schwindelig von Edwards wunderbarem Atem wird. Ja, was denn nun? Atmet der Typ jetzt oder nicht?! Und wie das später mit dem Baby funktionieren soll, will sich mir aufgrund dessen auch nicht erschließen, aber egal!

Ach, was soll's. Die Fortsetzungen werde ich aus morbider Faszination wohl auch noch lesen. Es ist schrecklich, aber ich kann nicht weggucken.


Erklärungsversuch
Warum kommt dieser Kram denn dann so gut an? Wisst ihr, ich glaube, ich bin für diese Bücher einfach zu alt. Bella als Protagonistin ist absolut flach, sodass sie unglaublich viel Platz für den Leser bietet, sich an ihrer Stelle zu sehen. Und Edward steht natürlich stellvertretend für den starken Traumprinzen, der einen immer beschützt und tugendhaft ist. Vampire sind ja gemeinhin immer Sinnbild von Erotik, Leidenschaft und Versuchung. Warum Meyer ihnen aber genau diese Eigenschaften beinahe vollständig raubt, will mir nicht so ganz einleuchten. So ist das ntaürlich alles ganz sicher und brav und rein... aber das ist nicht Sinn einer Vampirgeschichte, verdammt!

Vielleicht war die Zeit einfach da für ein Buch mit Vampiren, egal welche Qualität es denn hat, und Meyer war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Geschichte hat ja auch durchaus Potential, irgendwo tief versteckt in diesem Schnulzenbrei. Ich sag auch nichts gegen die Änderung der üblichen Vampireigenschaften - dann glitzern Meyers Vampire eben, haben irgendwelche besonderen Fähigkeiten wie Gedankenlesen oder Weissagung. Und die Mädchen möchten einfach ein bisschen von diesem tollen Vampir träumen, der sich in eine durchschnittliche Sterbliche verliebt und nun gegen seinen Instinkt ankämpft.

Irgendwie sowas wird es wohl sein. Das Marketingelement der Vampirgeschichte, ein nettes gothicmäßiges Buchcover, Wunscherfüllung durch die Protagonisten... Warum das vierzigjährige Frauen toll finden, weiß ich aber immer noch nicht! Aber immerhin hat man auch für diese Altersgruppe Merchandise-Angebote (wenn wohl auch nicht offziell lizensiert *g*).

Fazit: Langweilige Handlung, uninteressante bis unsympathische Protagonisten und nur hin und wieder ein kleiner erzählerischer Lichtblick - ich kann den Hype absolut nicht nachvollziehen.


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Kommentare:

Kephiso hat gesagt…

Hmmmm... Ich hab sie schon gemocht ... als ich elf war.

Du kannst Bella beliebig auswechseln - self-insert (sagt dir das was?) ist recht beliebt.

Uuuund: man muss nicht denken (/man darf nicht denken). Ich hab das Buch (das letzte, mit 12, auf Englisch) in nicht ganz vier Stunden gelesen und hab danach festgestellt: Du hast an nichts gedacht.

ist schon eine Weile her, dass ich das gelesen hab, aber ich fand das 4. am besten...

Ansonsten stimm ich dir/euch(?) in jedem Punkt zu!

LG,

Kephi

Sunshine hat gesagt…

Ich glaube, hätte ich die Bücher mit 11 oder so gelesen, hätte ich sie auch ganz unterhaltsam gefunden. Aber mit Anfang 20 konnte ich nur ungläubig auf die Seiten starren und mich zurückhalten, das Buch nicht gegen die Wand zu pfeffern. *g*

Klar kenne ich Self Inserts, gibt's ja oft genug, gerade in der Jugenliteratur, um es für den Leser einfacher zu machen sich in die Hauptfigur einzufühlen. Nur Bella ist mir einfach zu flach und nervig.

Buch 4 hab ich noch nicht gelesen, bin im Moment nicht in Stimmung dafür. Ich fang in Kürze mit meiner Bachelorarbeit an, vielleicht schieb ich dann wieder was aus der "Twilight"-Reihe dazwischen, denn du hast recht: Denken muss man dabei nun wirklich nicht. *g*

Kritik ist nur von mir, Oellig würde sowas nie im Leben lesen. ;D

kiwirazzisjourney hat gesagt…

Alles, aber auch ALLES! Ich stimme dir in jedem Satz zu, was Twilight angeht. Ich hab es auf englisch gelesen und fand es grausam. Die ersten paar Seiten gingen ja noch, aber dann ging mir das alles so aufn Zeiger, du liebes Bisschen (Wortspiel absichtlich). Ich kann mit diesem Schmonz nichts anfangen, Edward ist unattraktiv (davon abgesehen - Vampire, die im Sonnenlicht glitzern? Erm ja.), Bella nervt.
Und wenn man es ganz genau nimmt, ist das ganze auch noch geklaut - "Vampire Diaries", für das sich aber keine Sau interessiert hat. Erst durch "Twilight" wurde man auf den "Vorgänger" aufmerksam ... Ich hab das Buch, also "Twilight", vor meinem Umzug wortwörtlich in die Tonne gekloppt.

Luanalara hat gesagt…

Ganz ehrlich? In Englisch ist es sogar noch schlimmer! Das erste hab ich damals auf Deutsch gelesen, Band 2 und 3 (durch den quäle ich mich momentan) auf Englisch, und die Sprache ist grauenhaft. Da haben die in der Übersetzung sogar noch ein winziges bisschen gerettet.

Fragwürdig, ja im Hinblick auf die junge Zielgruppe sogar gefährlich sind auch die Aussagen der Reihe, die in Band 2 und 3 ebenfalls immer furchtbarere werden. Mich hats bisher in Band 3 teilweise richtig geschüttelt.

"Vampire Diaries" habe ich nicht gesehen/gelesen, erinner mich aber dunkel, dass es da auch um so eine Dreiecksgeschichte ging (ich schaue sehr selten Serie, aus Zeitmangel, dazu mag ich ian Sommerhalder einfach mal so gar nicht *g*). Dreiecksgeschichten sind ja eh sehr beliebt, man muss damit das Rad ja auch nicht neu erfinden, aber in "Twilight" ist es einfach auf so unglaublich niedrigem Niveau... nun ja.