Sonntag, 21. November 2010

Bret Easton Ellis: "Unter Null"


Ein schwieriges Buch. Es ist jetzt ein paar Wochen her, dass ich es gelesen habe, und mir fällt es immer noch schwer es einzuschätzen oder zu bewerten.

„Unter Null“ (1985) ist Ellis’ erster Roman, aber er dürfte wohl v. a. als Autor von „American Psycho“ bekannt sein, welches 2000 mit Christian Bale in der Hauptrolle verfilmt wurde. Ich habe die Buchvorlage nicht gelesen, da mir von einer Freundin, die das Buch für die Uni lesen musste und mit mir über die Hauptfigur diskutierte, von einigen sehr derben Szenen erzählte, die – zum Glück! – nicht den Weg in den Film fanden.

Mit dem Wissen um den „American Psycho“-Roman fiel mir beim Lesen von „Unter Null“ sehr schnell auf, dass Ellis gerne immer wieder dieselben Themen verwendet: Entfremdung, Werteverfall, verrohte Spaßgesellschaft, Drogen/Gewalt/Sex-Exzesse, Reduzierung auf Äußerlichkeiten, Gefühllosigkeit, innere Leere. Dabei schreibt Ellis in einem sehr einfachen, direkten Stil – es wird nicht drum rum geredet oder beschönigt. Früher lag mir dieser Stil mehr als heute. Er passt aufgrund seiner Kälte natürlich hervorragend zur Handlung, aber er machte mir den Zugang zum Roman nicht unbedingt einfacher.

Kurz zur Handlung: Clay kommt in den Semesterferien vom College zurück in seine Heimatstadt Los Angeles und trifft dort seine alten Bekannten wieder. Er bewegt sich in der Upper Class, Drogen gehören zum Alltag, genauso wie möglichst viele Partys. Clay findet nicht wirklich Zugang zu seinen früheren Freunden, der Umgang ist oberflächlich, Unterhaltung drehen sich um die nächste Party oder wer mit wem geschlafen hat. Als er wahrnimmt, dass die Gewalt um ihn herum immer mehr zunimmt und dass es die anderen offensichtlich nicht zu stört bzw. sie daran noch Spaß haben, wird ihm bewusst, dass da etwas gewaltig schief läuft. Allerdings versucht er auch kaum bis gar nicht, etwas daran zu ändern.

Der Ich-Erzähler Clay ist in gewisser Weise ein frustrierender Protagonist. Er hat an nichts wirklich Interesse, ist ständig lustlos und fügt sich irgendwie in seine Umgebung ein. Selbst als sich die Gewaltexzesse immer mehr zuspitzen und es am Ende zu einer wirklich verstörenden Szene kommt (die aber im Grunde zu erwarten war...), ist er zwar schockiert, tut aber nichts, was helfen könnte, außer zaghaft Bedenken zu äußern und zu gehen.

Vermutlich wirkt der Roman deshalb ziemlich stark nach. Ellis’ greift Themen wie Verrohung der Gesellschaft, Fehlen von zwischenmenschlichen Beziehungen usw. immer wieder in seinen Romanen auf, und auch hier führt er es einem deutlich vor Augen. Direkt am Anfang bekommt Clay von einer Freundin zu hören, „Die Leute werden immer rücksichtsloser.“ und er selbst kommt ständig an einem Werbeplakat mit der Aufschrift „Verschwinde von hier“ vorbei. Ellis arbeitet viel mit diesen Wiederholungen, um die Thematik zu verstärken.

Es ist krass zu sehen, wie es Clays Bekannte (denn Freunde kann man sie wirklich nicht nennen) überhaupt nicht interessiert, dass Leute aus ihrer Umgebung an Drogen sterben, dass sich einer aus der Clique wegen Schulden und Heroinsucht prostituiert, dass Leichen in Hinterhöfen liegen (die geht man sich höchstens sensationsgeil anschauen). Und dass dieses Verhalten für alle normal zu sein scheint. Nur Clay und vielleicht noch seine Freundin Blair fühlen sich nicht wohl damit, aber keiner versucht, etwas zu ändern.

Wäre möglicherweise ein interessantes Buch für eine Schulanalyse, ist aber dafür sicherlich zu hart und explizit. Ich bin nach wie vor in einem Zwiespalt. Ich fand das Buch nicht gut in dem Sinne, dass es sich unterhaltsam las oder dass ich es gerne wieder lesen möchte. Aber die angesprochenen Themen und die schonungslose Darstellung wirken bei mir lange nach – zwar mag Ellis eine fiktive Welt in den 80ern nutzen, aber die Tatsache, dass ich mir sie ohne Weiteres als realistisch vorstellen kann, ist erschreckend.

Kommentare:

Oellig hat gesagt…

Puh.
Ich habe das Buch nicht gelesen, kann also nicht beurteilen, WIE hart es letztendlich daherkommt. Und ich verspüre auch kein Bedürfnis, es zu lesen. Einerseits wegen des sehr einfachen Stils, in dem es wohl geschrieben zu sein scheint und wegen den Wiederholungen, die Du ja erwähntest (deckt sich auch mit Rezensionen auf amazon). Diese Art von Schreibstil ist mir einfach zu anstrengend zum lesen. Andererseits auch wegen des Themas, um das es geht.

Dass es so stark in Dir (und sicher auch in anderen Lesern) nachwirkt ist kein Wunder. So fiktiv ist die Welt, die Ellis da malt nämlich gar nicht. Und man muss sie auch gar nicht in den 80ern ansiedeln, sondern kann sie getrost in die heutige Zeit setzen.

Entfremdung, Werteverfall, Verrohung d. Gesellschaft, Drogen/Gewalt/Sex-Exzesse, Reduzierung auf Äußerlichkeiten, Gefühllosigkeit, innere Leere, Fehlen von zwischenmenschlichen Beziehungen usw. ...all das gibt es in unserer heutigen Welt. Gelangweilte Kids reicher Eltern, die sinnentleert in den Tag leben gibt es ebenso wie die Kids, die aufgrund des sozialen Milieus, in das sie geboren wurden, chancen-und perspektivlos sind und kaum genug eigene Kraft haben, sich daraus zu befreien. Beide greifen zu Drogen, Sex, Gewalt-Exzessen. Die einen, um sich von ihrer Langeweile abzulenken. Die anderen, um der Trost- und Hoffnungslosigkeit ihres Lebens zu entfliehen. Beiden ist gemein, dass diese Form von Abstumpfung und (Ge-)Fühllosigkeit ihnen das Überleben sichert. Weil sie ansonsten auf Dauer (und ohne Hilfe von außen) daran zu Grunde gehen würden.

Erschreckend ist also nicht die Tatsache, dass man sie sich als realistisch vorstellen kann, sondern dass sie realistisch IST. Ich kann mir vorstellen, dass dies auch der Punkt ist, der so viele bewegt. Wir haben gelernt wegzuschauen, nicht hinzugucken, nicht wahrzunehmen, nichts mehr an uns ranzulassen, uns abzulenken und die heutige digitalisierte Welt macht es uns damit auch sehr einfach.

Natürlich gab es all das auch früher und hat es auch schon immer gegeben. Wir sind eine menschliche Welt. Und wo es Menschen gibt, gibt es immer beides. Liebe und Hass. Egoismus und Altruismus. Ignoranz und Mitgefühl. Nähe und Distanz. Das Gute wie das Böse. Das ist nur allzu menschlich. Aber es hat zugenommen, die Gefühl- und Rücksichtslosigkeit, der Werteverfall, die Entfremdung, Verrohung und die Gewalt usw., sehr sogar, und das trotz aller Erkenntnisse, die wir heute über den Menschen, die menschliche Psyche, die Gesellschaft, das Zusammenleben haben...und das ist vielleicht das Erschreckendste an allem.

Ich denke, die Kunst besteht darin, sich davon nicht völlig herunterziehen zu lassen (bzw. dem Schrecken nicht zuviel Raum einzuräumen) und zu entdecken, dass es dennoch Schönheit und Mitgefühl in unserer Welt gibt und um mich herum, oftmals sichtbar gerade in den kleinen Dingen. Und im Umkehrschluss immer bei mir selber anzufangen und in meiner nächsten Umgebung. Statt anderen zu signalisieren, Du musst Dich ändern, mal in den eigenen Spiegel zu schauen und überlegen, wo kann ich etwas anders machen, wo kann ich mich verändern (und mein Verhalten). Das ist nicht immer einfach, weil es oft der unbequemere Weg ist. Deshalb vermeiden wir ihn ja auch lieber. Aber es ist ganz sicher der lohnendere in jeglicher Beziehung! Wir können die Welt als Großes, Ganzes nicht verändern. Aber wir können uns verändern...und damit auch die unmittelbare Welt um uns herum. Und je mehr das begreifen, desto mehr kann die Gesamtsumme dessen auf Dauer dann auch zu einer Veränderung in der großen Gesellschaft führen.

Zu idealistisch gedacht? Ja, vielleicht. Ist mir aber schnurzpiepegal^^. Ich habe schon vor langer Zeit für mich persönlich entschieden, nicht damit aufzuhören, dem (Er)Schrecken etwas entgegenzusetzen und sei es auch nur in den berühmten Kleinigkeiten. Alles andere wäre für mich Akzeptanz u. Toleranz des Übels, was für mich gleichkäme mit Aufgeben von Hoffnung. Und das kommt für mich niemals in Frage. ;-)

Sunshine hat gesagt…

Ich denke auch nicht, dass dies ein Buch für dich ist (wenn ich mir so dein übliches Lesefutter vor Augen führe).

Realität ist dieses verhalten zumindest in meiner Umgebung zum Glück nicht, daher hat diese Welt immer noch irgendwie etwas Fiktives für mich. Aber ich kann mir sehr gut vorstellen, dass solche Dinge irgendwo auf der Welt so passieren. Daran wird sich auch trotz der ganzen tolen Erkenntnisse, die die Wissenschaft so gewonnen hat, auch wohl so schnell nichts ändern.

gewalt scheint ein notwendiger bestandteil der menschlichen kultur zu sein, so schlimm dies auch ist - aber man kann ja sehen, wie es sich durch die Weltgeschichte zieht. Früher saß man im Colosseum und hat zugeschaut, wie menschen von wilden Tieren zerfleischt wurden. Heute guckt man sich Torture Porn an und wenn man dazu noch ein bisschen krank im Kopf ist, macht man es nach. Nur sind die Auswüchse von Gewalt heute nicht mehr in dem Sinne Teil des Entertainments, das sie allgemein akzeptiert und gelebt werden. Jetzt reagiert man mit Schock, Unverständnis, Ärger... aber passiv bleibt man dennoch. Aufgrund dessen, dass sich menschen tatsächlich immer mehr entfremden und der soziale Aspekt immer mehr vernachlässigt wird, kommt es dann dazu.

Und das ist es auch, was mich am protagonisten so aufgeregt hat: Er tut nichts! Ich saß da oft und dachte, "Du verdammter Idiot, ruf doch mal die Polizei!"

Naja irgendwo muss man ja anfangen. ^^