Montag, 10. Januar 2011

Yann Martels "Schiffbruch mit Tiger"


Ich bin gerade in der passenden Stimmung, also folgt mal wieder eine Buchrezension. "Schiffbruch mit Tiger" wurde 2002 mit dem Booker-Preis, dem wichtigsten britischen Buchpreis, ausgezeichnet und was für ein erfrischend anderes Buch man zur Abwechslung gewählt hat!

Die Hauptfigur des Buches ist der indische Junge Piscine Molitor Patel, kurz Pi genannt. Als Sohn eines Zoobesitzers in Pondicherry aufgewachsen, wurde ihm die Faszination für alle möglichen Wildtiere sozusagen in die Wiege gelegt. Als Jugendlicher fängt er dann an, sich für Glaube und Religion zu interessieren - ein wenig seltsam, sind doch seine Eltern nicht gerade religiös. Pi jedoch ist so fasziniert, dass er zu seinem Hindu-Glauben auch noch den des Islam und des Christentums annimmt. Aufgrund schwieriger politischer Verhältnisse beschließt sein Vater, mit der Familie und diversen Zootieren nach Kanada auszuwandern. Unglücklicherweise sinkt das Schiff nach nicht allzu langer Fahrt mitten im Pazifik - einziger menschlicher Überlebender ist der mittlerweile sechzehnjährige Pi. Vollkommen allein ist er jedoch nicht - das Rettungsboot muss er sich mit einem ausgewachsenen bengalischen Tiger teilen.

Klingt alles irgendwie reichlich abgedreht. Ein Teenie, der gleich drei Religionen angehört, sitzt mit einem Tiger in einem Rettungsboot mitten im Pazifik. Und doch funktioniert es. Ich hatte nicht erwartet, dass das Buch mich so sehr fesseln könnte wie es das dann letztendlich tat.

"Schiffbruch mit Tiger" ist in drei ungleiche Abschnitte unterteilt. Der erste beschreibt Pis Jugend in Pondicherry; man erfährt, welche Menschen ihn beeinflusst haben, wie es dazu kam, dass er gleich drei Religionen annahm, was er durch die Zootiere alles über Wildtiere im Allgemeinen lernte. Gerade der religiöse Aspekt des Buches hatte mich im Vorhinein abgeschreckt. Solche Themen kommen ja gern mit erhobenem Zeigefinger. Aber Martel stellt keine Religion als die "bessere" heraus und ein Streitgespräch zwischen Predigern der drei großen Weltreligionen führt die uralten Vorurteile sogar wunderbar vor.
Dieser Abschnitt erscheint manchen Leuten wohl etwas langatmig (wenn man nach diversen Kritiken geht) - ich fand ihn jedoch sehr angenehm zu lesen. Außerdem sind viele Informationen für spätere Ereignisse wichtig; manche Kleingkeit ergibt sogar erst am Ende vollkommen Sinn.

Abschnitt zwei ist der längste und behandelt Pis Zeit als Schiffbrüchiger. Man möchte meinen, dass gerade dieser Abschnitt nicht besonders spannend sein kann - Pi treibt in einem Boot auf dem Meer, um ihn rum nichts als Wasser, über ihm der unendliche Himmel, und mit im Boot ein Tiger. Aber Martel schafft es, dass gerade dieser Abschnitt besonders interessant und spannend wird. Pis tiefes Innenleben wird nicht offengelegt, und doch hat man das Gefühl, bei ihm zu sitzen unter der sengenden Sonne, ausgemergelt und fast verdurstet. Die Verzweiflungs Pis wird greifbar, wie der Überlebenswille ihn dazu zwingt, sich immer wieder selbst zu überwinden.

Der letzte Abschnitt ist nur sehr kurz und spielt nach Pis Rückkehr in die Zivilisation (damit verrate ich nicht zu viel, der Ausgang der Handlung ist von Anfang an kein Geheimnis - und gerade deshalb ist es umso erstaundlicher, dass Martel die Spannung im Mittelteil halten kann). Und was für eine überraschende Wendung eben in diesem Kapitel noch auf den Leser wartet - sehr gut! Das Ende regt zum Nachdenken an - und ich hätte die Frage nicht anders beantwortet. *g*

Ein gewisser Wille muss beim Leser vorhanden sein, sich auf dieses Buch einzulassen. Es ist kein Krimi, keine Romanze, kein Actionreißer. Es ist ein kleiner Exot, aber genau deswegen gibt es Bücher - um ein klein wenig Magie zu versprühen, den Leser in eine andere Welt zu entführen. "Schiffbruch mit Tiger" ist stellenweise richtig lustig, es ist dramatisch, traurig, eklig, grausam, versöhnlich, hoffnungsvoll. Martel schreibt meist sehr klar und leicht, manchmal auch sehr detailliert. Ein Vorwort des Autors gibt Einblick darin, wie er überhaupt dazu kam, dieses Buch zu schreiben. Die Kapitel sind im ersten Abschnitt hin und wieder von Eindrücken Martels, der sich mit Pi trifft, unterbrochen und teilweise auch sehr kurz - warum es so viele sind, wird im Buch ebenfalls erklärt. :)

Alles in allem ein wirklich empfehlenwertes Buch - ein bisschen anders als die anderen Bücher da draußen, aber gerade deshalb sehr liebenswert und dazu noch intelligent und zum Nachdenken anregend. Für mich ein grandioser Start ins Lesejahr 2011.


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Kommentare:

alicely hat gesagt…

Das Buch hab ich letztes Jahr gelesen (naja, verschlungen fast) und es hat mir richtig gut gefallen.. aber ueber das Ende raetsele ich immer noch..!

Sunshine hat gesagt…

Jahaaa, das Ende ist schon so eine Sache. Ich saß da auch leicht verwirrt vor, zuerst.

Hier gibt's ein Interview mit dem Autor, wo er sich zum Ende äußert. (Für die, die's Buch nicht gelesen haben: Achtung, Spoiler!)

Ich hatte es für mich auch so aufgefasst - dass es keine allgemeingültige Auflösung gibt, sondern dass jeder für sich entscheiden sollte, was ihm besser gefällt.

Meine Meinung (SPOILER):
(Ich wollte die Farbe im Kommentar ändern, klappt aber nicht...)



Der Glaube an Gott spielt ja durchaus eine Rolle, auch wenn ich es nicht so ausgeprägt fand wie es laut mancher Rezensionen klang. Pi erzählt die zweite Geschichte ja gerade deshalb, weil die Japaner die andere für unrealistisch halten und sie nicht glauben können. Die zweite ist natürlich realistischer... Und dann die Frage, welche Geschichte die bessere ist - Die vermeintlich unrealistische oder die realistische? Sie wählen die Tiger-Geschichte. Wenn man das nun auf die Glaubensfrage überträgt (worauf ja am Anfang mit dem ganzen Agnostiker-Kram etc. eingegangen wird), würde ich die Aussage so deuten, dass, so unrealistisch es auch erscheinen mag, man sich häufig eher für den Glauben an irgendeinen Gott entscheidet als für das total realistische. Ganz einfach, weil es hilft, manche Dinge nicht ganz so schlimm erscheinen zu lassen.

So ist nun also am Ende auch für den Leser die Frage: Welche Version glaubt er? Ich bin nicht sonderlich religiös, aber ganz ohne irgendeinen Glauben komme ich nicht aus. Ich würde mich immer für die Tiere entscheiden. *g* Die Geschichte wird ja immer fantastischer - und doch fordert Pi die Japaner geradezu heraus, die Fakten doch zu prüfen, zumindest bestimmte. Es hat schon was mit den Wundern und dergleichen aus der Bibel zu tun, was da auf der Reise passiert.
Und wenn man davon ausgeht, dass die zweite Geschichte das widergibt, was wirklich passiert ist - nun, dann kann ich absolut verstehen, dass Pi die Tiger-Version einfach braucht, um damit fertig zu werden. Denn die zweite Version ist im Grunde um soviel grausamer als die erste...

SPOILER ENDE


Das soweit von mir dazu, ziemlich ungeordnet. Soll nochmal einer sagen, Bookcrossing würde Leute davon abhalten, Bücher zu kaufen - nur so bin ich überhaupt auf das Buch gekommen. Und ich hab es mir jetzt gekauft. *g*
Muss ich doch mal fragen: Wie bist du eigentlich hier auf'm Blog gelandet? :)

alicely hat gesagt…

Ja, das macht Sinn. War mir gar nicht klar, wie wichtig das Religionsthema in dem Buch war. Mein Problem mit dem Ende war, dass ich beim ersten Lesen dachte: "Oh, wie, die ganze Geschichte war also nur erfunden und ist gar nicht wirklich passiert?!" ("wirklich" im Sinne von "in der Wirklichkeitsebene des Romans" - schon klar, dass es keine "wahre" Geschichte war ;-)). Da hatte ich mich dann ein bisschen betrogen gefuehlt.

Wie ich auf deinem Blog gelandet bin, weiss ich gar nicht mehr! Wahrscheinlich beim Herumsurfen im Net von einem Link zum anderen...? Und dann landete er irgendwie in meinen bookmarks...

Sunshine hat gesagt…

Das Ende lässt wirklich ziemlich viel Interpretationsspielraum. Ich mag das, wenn man sich als leser entscheiden muss. Die zweite Geschichte ist sicherlich die realitischere... aber die erste gefällt mir auf jeden Fall besser. :)

Ja, das kenn ich - von Link zu Link springen und dann einfach erstmal abspeichern. *g* Mach ich gern.