Donnerstag, 3. März 2011

Die böse Sesamstraße: "Avenue Q"


Zugegeben, ein dreiviertel Jahr Verspätung ist ganz schön viel und jaaa, ich schäme mich sehr. Aber nun, anlässlich der vorige Woche stattfindenden deutschsprachigen Erstaufführung in St. Gallen, habe ich mich zu einer Kritik von "Avenue Q" hinreißen lassen.

Zwei Freundinnen und ich haben dieses Musical letztes Jahr während unseres Urlaubs in London besucht, nicht ahnend, dass die Show nach fünf Jahren Laufzeit im Oktober geschlossen werden würde. Sehr schade, ich wäre beim nächsten Urlaub gerne wieder reingegangen.

Kurz zur Handlung: Princeton hat seinen Collegeabschluss in der Tasche und sucht händeringend nach einer bezahlbaren Unterkunft. Dabei landet er irgendwann in der Avenue Q - sieht alles etwas schäbig aus, aber die Leute scheinen ganz nett zu sein, allerdings haben sie genauso wenig eine Ahnung, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen wie er. Passt also perfekt. Da gibt es den etwas trotteligen Vermieter Brian und dessen resolute chinesische Freundin Christmas Eve, den ehemaligen Kinderstar Gary Coleman, Rod und Nicky, die sich eine Wohnung teilen, und... Kate Monster, in die sich Princeton sofort verliebt. Zu den diversen folgenden Verwicklungen tragen zwei "Bad Idea Bears" und die mondäne Lucy T. Slut bei. Chaos, bescheuerte Träume, eine Hochzeit, Sex, fahrlässige Körperverletzung, Scientology - in der Avenue Q findet man das alles. Und manchmal auch gute Freunde.

Dieses Musical verlangt den Darstellern wirklich viel ab. Es gibt nur drei menschliche Rollen: Brian, Christmas Eve und Gary Coleman, alle anderen Darsteller spielen mindestens zwei Puppen. Und das ist richtige Arbeit - wie da manchmal in Sekundenschnelle von der einen zur anderen Puppe gewechselt wird, wie die Darsteller ihre Stimmen entsprechend sofort anpassen müssen und man es als Zuschauer als absolut glaubwürdig erachtet, das ist beeindruckend! Hinzu kommt, dass sie nicht nur die Puppen lebendig werden lassen, sondern sich die Emotionen in ihrer Mimik und Körperhaltung widerspiegeln. Unterhaltung pur.

Besonders krass ist z. B. der Unterschied zwischen Kate Monster (niedlich, schüchtern, mit sanfter Stimme) und Lucy T. Slut (erotisch hauchende Stimme, anzügliche Sprüche), die beide von derselben Darstellerin gespielt werden (bei unserem Besuch von der Zweitbesetzung Rachel Jerram, großartig).
Ganz große Klasse war auch Paul Spicer als Princeton bzw. Rod - man wusste aufgrund seiner Art zu sprechen sofort, welche Figur er gerade darstellte; Rod hatte immer einen leicht verklemmten Touch in der Stimme, aber er ist ja auch derjenige, der definitiv, absolut hundertprozentig, vollkommen überhaupt nicht schwul ist.
Super waren auch Jacqueline Tate und Siôn Lloyd als Christmas Eve und Brian; absolut liebenswert und verdammt lustig. Der Publikumsliebling der menschlichen Charaktere war jedoch ganz klar Gary Coleman, gespielt von Delroy Atkinson. Er war ganz einfach supersympathisch, hat einige der besten Srpüche und dazu noch eins der erinnerungswürdigsten Lieder ("You can be as loud as the hell you want [when you're making love]" inkl. Puppen, die wilden Sex haben... man muss es einfach selbst gesehen haben, es war zum Schreien komisch).

Bei den Puppencharakteren räumte Tom Parsons als Nicky / Trekkie Monster (Kates Bruder) am meisten ab. Seine Mimik allein war urkomisch, aber dann hat er mit Trekkie auch noch die verrückteste / kultigste Figur abbekommen. Trekkie ist eine riesige Puppe, und es musste immer ein zweiter Darsteller mitmachen, um sie zu bewegen. Er besteht nur aus Fell und verlässt sein Zimmer so gut wie gar nicht, sondern hockt den ganzen Tag vor dem Computer. Und er erteilt seiner Schwester (und dem Publikum, oh ja!) eine Lektion: "The internet is for porn!". Wie er das rübergebracht hat, später vorne am Bühnenrand stehend mit einem Blick ins Publikum, der ganz klar sagte: "Ich weiß, was ihr alles für versaute Kerls seid!" *g* Der Applaus wollte gar nicht mehr aufhören...


Sowieso, die ganzen Charaktere sind wunderbar. Hinzu kommen noch die Bad Idea Bears, die Princeton ständig dazu drängen, sich zu besaufen oder Kate flachzulegen... und dabei aussehen wie die Glücksbärchis. *g* Dann lebt die Show auch noch von wirklich hübschen Einfällen (eine überdimensionale Kate in einem Albtraum; Bildschirme, die hin und wieder bestimmte Stellen visuell unterstützen; Lucy T. Sluts Nahtoderfahrung, der Lauf ins Publikum, um Geld für Kates Schule zu erbetteln...), hat ein sehr funktionales, aber liebevoll gestaltetes Bühnenbild... und ist einfach richtig schön böse. *g* Die Charaktere sind teilweise klar an die Sesamstraße angelegt, z. B. erinnert Trekkie an das Krümelmonster, aber ganz besonders deutlich wird es bei Nicky und Rod, die eigentlich Ernie und Bert in anderen Farben sind.

Und dann die Lieder! Das wirklich Gemeine an ihnen ist: Sie sind verdammte Ohrwürmer! Nur kann man sie nicht laut singen, weil sie so schöne Titel haben wie "The internet is for porn", "Everyone's a little bit racist", "It sucks to be me" oder "If you were gay" (sooooo grandios-lustig!). Dann noch das für den Charakter oberpeinliche "My grildfriend who lives in Canada", und einer der für uns unterhaltsamsten Songs: "Schadenfreude". Ja, in englisch gibt es kein Wort für Schadenfreude, und es wird dann auch entsprechend erklärt: "Schadenfreude is German and means taking pleasure in the misery of others". - "Yes, that's very German." *g* Ja, wir haben laut mitgelacht - schließlich wurden Chinesen, Afro-Amerikaner, Juden und ich weiß nicht wer noch alles genauso politisch unkorrekt durch den Kakao gezogen. Neben uns saßen zwei amerikanische Mädels, die wohl erstens überrascht waren, dass wir das lustig fanden (vor Beginn der Show hatten wir uns ja auf Deutsch unterhalten), und die es generell toll fanden, wie die Darsteller ständig "Fuck" und "Shit" sagten. *g* Jaja, das freigeistige Europa... ;)

Der Saal war ausverkauft und die Stimmung war großartig, wie bei einer Party. So muss ein toller Musicalbesuch sein.

Ich hoffe, dass die deutsche Version ebenso großartig ist und dass die Übersetzung gelungen ist; das dürfte nicht bei allen Liedern so leicht gewesen sein. Aber St. Gallen ist ja durchaus für Qualität bekannt, von daher mach ich mir da keine großen Sorgen.

Alles in Allem eine großartige, unterhaltsame Show - wer mit den Songtiteln etwas anfangen kann und nicht bei leicht unkorrektem Humor sofort auf die Palme geht, der wird "Avenue Q" lieben!
Ich hoffe, dass wir auch hier Deutschland bald in den Genuss dieses Musicals kommen werden.


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