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Samstag, 17. Oktober 2020

„The Untamed“: Sehnsucht und Schwarze Magie im alten China

So. Nachdem diese chinesische Serie mich in den aktuellen deprimierenden Zeiten doch echt gut bei Laune gehalten hat und ich ein wenig in der Fan-Community „versackt“ bin, finde ich es nur fair nun auch einen Post dazu zu schreiben.

Aufmerksam wurde ich auf „The Untamed“ (OT: 陈情令, Pinyin: Chén Qíng Lìng) natürlich - wie sollte es auch anders sein - durch diverse Blogs, die mit großer Begeisterung über diese Serie berichteten, nachdem sie Ende 2019 auf dem amerikanische Netflix startete. Ich habe keinerlei Ahnung von chinesischen Drama-Serien, und bin geprägt durch massenhaft amerikanische und deutsche TV-Produktionen (plus Anime, immerhin!). Daher waren die ersten paar Episoden für meine westlichen Sehgewohnheiten erst einmal gewöhnungsbedürftig. Dazu später mehr. Wenn man dran bleibt, zieht „The Untamed“ den Zuschauer aber immer mehr in seinen Bann, und ich habe teilweise furchtbar mitgelitten. 

„The Untamed“ basiert auf dem queeren Roman „Mo Dao Zu Shi“ („The Grandmaster of Demonic Cultivation“) und wurde von der unter dem Pseudonym schreibenden Autorin Mo Xiang Tong Xiu  von 2015 bis 2016 online veröffentlicht. Der große Erfolg des Romans führte u. a. zu einer sehr beliebten Zeichentrick-Adaption (Donghua), einem ebenfalls hochgelobten Audiodrama, einer Manhua-Adaption, und schließlich der Realverfilmung als Webserie auf dem Kanal Tencent Video. Die Serie ist mit 50 Folgen abgeschlossen; es gibt zwei Spin-Off-Filme.
Genau wie der Roman war auch die Serie extrem erfolgreich auf dem chinesischen Markt und gehört zu den am höchsten bewerteten chinesischen TV-Dramen. Wenig überraschend machte dieser Erfolg aus dem beiden Hauptdarstellern Xiao Zhan und Wang Yibo Megastars, wobei beide auch vorher kein unbeschriebenes Blatt waren und v. a. Wang Yibo bereits sehr erfolgreich in der Musikbranche war.

 
Wenn du mit deinem Schwarm flirten willst und der dich ignoriert

Bei „The Untamed“ handelt es sich um eine Fantasy-Serie, die dem Wuxia-Genre angehört. Vereinfacht ausgedrückt benutzen die Charaktere eine Mischung aus Meditation, Martial Arts, und Studium von gelehrten Schriften, um ihre magischen Fähigkeiten auszubilden und zu stärken. Diese Fähigkeiten nutzen sie, um die Welt von rastlosen oder bösen Geistern, Dämonen und Monstern zu befreien. Wer besonders stark und rein im Geist ist, kann es bis zur Unsterblichkeit bringen. Das Ganze spielt im (pseudo)historischen China in einer von Klassen geprägten Gesellschaft. Die Charaktere gehören öfter (Familien)Gemeinschaften und -clans an, die sich durch spezielle Magiestile auszeichnen.

Puh okay. Das zum Hintergrund. Generell sind aber selbst dem unbedarften westlichen Zuschauer ein paar asiatische Fantasy-Elemente bekannt, z. B. der ausgeklügelte Schwertkampf in der Luft, wie man ihn u. a. aus „Tiger & Dragon“ kennt.

Worum geht es nun in „The Untamed“?
Wei Wuxian (Xiao Zhan) ist als der gefürchtete Yiling Patriarch bekannt, der Dämonische Magie gegen die anderen Clans einsetzte und für den Tod vieler Menschen verantwortlich war. Sechzehn Jahre nach seinem Tod wird er in einem Opferritual wiedergeboren. Daran geknüpft ist jedoch die Bedingung, dass er die Person rächt, die sich für ihn geopfert hat. Wei Wuxian nimmt das mal so hin und trifft auf seiner Mission nicht nur seinen - nicht gut auf ihn zu sprechenden - Bruder, sondern auch seinen früheren besten Freund und Seelenverwandten Lan Wangji (Wang Yibo).

Der folgende Flashback zeigt, wie sich Wei Wuxian und Lan Wangji als Teenager kennenlernen, und trotz Lan Wangjis frostiger Unnahbarkeit Freunde werden. Im Hintergrund droht die Machtgier des Bösewichts Wen Ruohan, der alle anderen Clans unterjochen will, was schließlich zum Krieg führt. Wei Wuxian und Lan Wangji sowie ihre Freunde und Familien werden in diesen Konflikt hineingezogen und wir sehen, wie Sonnenschein Wei Wuxian durch äußere Umstände und eigene Entscheidungen auf einen Pfad gerät, der ihn schließlich zum bei allen verhassten Yiling Patriarch macht.

 
Die beste Schwester auf der ganzen Welt

„The Untamed“ macht es einem am Anfang nicht unbedingt leicht. Selbst für Leute, die viele chinesische Dramen sehen, ist die Erzählstruktur etwas seltsam. Nach zwei Episoden in der Gegenwart folgt ein 30-Episoden-langer Flashback. Und für jemanden, der chinesische Dramen nicht kennt, kommt noch der Mini-„Kulturschock“ dazu. Denn natürlich werden Szenen etwas anders inszeniert, die Charakterentwicklung läuft anders ab, manches wirkt zunächst sehr „over the top“, aber soll so. Die Serie lässt sich Zeit, und manche dramatischen Momente oder Genrekonventionen wirken erst dann so richtig, wenn man die Kultur versteht.

Hinzu kommt dann noch die Sprachbarriere - derzeit liegt die Serie nur im chinesischen O-Ton mit englischen Untertiteln vor (und diese Untertitel sind teilweise auch eher missverständlich, je nachdem welche Quelle man nutzt). Viele Charaktere haben nicht nur zwei Namen, sondern gleich noch ein oder zwei Titel, und „dank“ der ethnischen Gesichtsblindheit sehen erst einmal viele Schauspieler gleich aus.

Aber! Durchhalten! Eventuell sogar Episoden 1 und 2 komplett überspringen. Denn die Serie hat mich irgendwie „eingesogen“. Am Anfang fand ich es alles etwas schräg, und hab mich gefragt, wie aus diesem verrückten, fröhlichen Kerl bitte schön der von allen gefürchtete und verhasste Yiling Patriarch werden soll. Bei Episode, oh sagen wir 10, war ich so dermaßen in der Serie drin und hing an all diesen Charakteren, dass Abbrechen keine Option mehr war.

Die schöne und zunächst tragische Liebesgeschichte zwischen Wei Wuxian (der das alles erst einmal gar nicht mitbekommt, aber trotzdem auf seine Art vor sich hin leidet) und Lan Wangji (der nach anfänglicher verwirrter Abneigung sehr schnell „all in“ ist und gleich mal ein Liebeslied komponiert) ist einfach großartig.
Alle romantischen Klischees werden erfüllt - lange sehnsuchtsvolle Blicke, ständige Berührungen, im Kampf zusammenhalten, sich als „Seelenverwandte“ bezeichnen, von den Umständen getrennt werden, zusammen in einer Höhle gefangen sein…
Das ganze Produktionsteam und die Schauspieler geben sich außerdem alle Mühe, trotz der chinesischen Zensur diese Liebesgeschichte deutlich zu machen. Wer Verfilmungen von Jane Austen-Romanen u. Ä. mag, wo die Protagonisten ewig umeinander kreisen und sich nacheinander sehnen, aber von äußeren Umständen zunächst an ihrer Liebe gehindert werden, der ist hier goldrichtig.

 
 Ihr versteht das nicht, die beiden starren sich wirklich die ganze Zeit so an (oder einander sehnsuchtsvoll hinterher).

Es ist aber nicht nur diese Dynamik (und die unglaublich gute Chemie der beiden Hauptdarsteller), die die Serie so gut macht. Gefundene Familien sind ein großes Thema. So wurde Wei Wuxian nach dem Tod seiner Eltern von einem Freund seines Vaters aufgenommen und liebt seine Adoptivgeschwister Jiang Cheng (Wang Zhuocheng) und Jiang Yanli (Xuan Lu) über alles. Ein Teil des Wen-Clans wird nach dem Krieg für Wei Wuxian zu einer zweiten Familie. Und in der Gegenwartshandlung bilden die vier Junior-Schüler ein lustiges Quartett und werden sozusagen von Wei Wuxian unterdie Fittiche genommen. Generell gibt es auch viele leichte und lustige Momente, es ist längst nicht durchgängig so dramatisch, wie es hier klingt.

„The Untamed“ ist einfach sehr gut darin, dem Zuschauer seine Charaktere so nahe zu bringen, dass es ihn kümmert. Ich möchte, dass Lan Wangji und Wei Wuxian glücklich werden.  Ich leide mit ihnen und mit Jiang Cheng, der richtig viel durchmachen muss. Ich bin ebenso frustriert wie die Charaktere, wenn Jiang Yanli und ihr Verlobter mal wieder eine unglaublich unangenehme Nicht-Unterhaltung führen (oh mein Gott, redet doch einfach mal miteinander!). Ich möchte Wen Ning einfach nur knuddeln und bewundere seine Schwester Wen Qing für ihre sachliche Art. Die Nie-Brüder sind so unterschiedlich und so toll, und Lan Wangjis Bruder Lan Xichen trägt so viel auf seinen Schultern… Selbst die Junior-Schüler, bei denen ich mir zunächst nicht sicher war, sind mir sehr schnell ans Herz gewachsen und jetzt liebe ich sie (hervorragendes Comic Relief!). Und mein Lieblingssoziopath Xue Yang sorgt für einige sehr dramatische Momente.

 
Links Stil-Ikone Jiang Cheng, rechts der immer elegante Lan Xichen.

Tatsächlich sind die Schauspielleistungen auch durch die Bank weg zumindest gut wenn nicht sogar großartig (nicht unbedingt immer gegeben in chinesischen Dramaserien). Allen voran Xiao Zhan spielt sich wirklich die Seele aus dem Leib und kann eine große Fülle an Emotionen zeigen; von überschäumenden Freude zu abgrundtiefer Verzweiflung ist alles dabei. Wang Yibo hat mehrmals für Lan Wangji vorgesprochen, aber man war sich unsicher, ob er die Rolle glaubhaft verkörpern könnte. Letztlich war es die richtige Entscheidung ihn zu nehmen. Es ist beeindruckend, mit welch winzigen Änderungen im Gesichtsausdruck Wang Yibo das Gefühlsleben von Lan Wangji darstellen kann, und als Zuschauer wird man irgendwann so gut wie Wei Wuxian darin, seine Stimmung anhand des minimal gehobenen Mundwinkels oder der leicht angespannten Augenbraue zu erkennen.

Aber auch viele andere bleiben sehr positiv im Gedächtnis, Xuan Lu und Wang Zhuocheng als die Jiang-Geschwister, Ji Li als der verhuschte Nie Huaisang, Liu Haikuan als Lan Wangjis stets eleganter und gütiger Bruder Lan Xichen, Meng Ziyi als kompetente Ärztin Wen Qing, Guo Cheng als vorwitziger Lan Jingyi, Yu Bin als schüchterner und doch mutiger Wen Ning, Zhu Zanjin als stets dienstwilliger Meng Yao… ach eigentlich sind sie alle erwähnenswert.

Und glücklicherweise war es auch nach wenigen Episoden kein Problem mehr, die ganze Charaktere auseinanderzuhalten. Go me!

Nicht nur die Charakterentwicklung profitiert von der von Anfang an festgelegten Episodenzahl. Es gibt einige Handlungspunkte, die erst zum Ende hin wirklich erklärt oder näher beleuchtet werden. Auf manche Dinge wird schon sehr früh hingewiesen, anderes erhält kleine Andeutungen hier und da, und wenn sich dann später alles zusammenfügt, hat sich das Warten wirklich gelohnt und man ist als Zuschauer vollauf zufrieden. Manche Twists sollte man vorher wirklich nicht wissen. Ich war leider schon für alles Wichtige gespoilert, habe mich aber trotzdem gefreut oder war schockiert. Aber manches nicht gewusst zu haben... das wäre noch besser gewesen.

 
Pretty Pretty!

Das Budget für die Serie war beschränkt und dies sieht man auch manchmal. Man hat wohl den Großteil des Budgets in die Kostüme, Perücken und Ausstattung gesteckt, was eine sehr gute Entscheidung war. Besonders die Kostüme sind wunderbar und unterstreichen die Charaktere sehr gut. Jiang Cheng ist eine Stilikone in Lila (und manchmal Türkis) und Wei Wuxian rockt den schwarz-roten Emo-Look. Die Lans sind fehlerlos elegant in weiß und blau, und Wen Qings rote Roben sind ein Hingucker.

Manche der Sets sind wunderschön, v. a. Lotus Pier und Koi Tower haben eine tolle Ästhetik. Die Kamera fängt diese Orte in schönen Kamerafahrten ein; generell ist die Kameraarbeit häufig sehr gut und passend, v. a. in den Außenaufnahmen. Die Serie ist tatsächlich einfach schön anzusehen.

Wie viele chinesische Historien-Dramen ist auch „The Untamed“ synchronisiert. Dies hat mehrere Gründe, u. a. die vielen unterschiedlichen Dialekte der Schauspieler und schwankende Tonqualität durch Außendrehs. Hin und wieder hatte ich das Gefühl, dass die Betonung etwas off war, aber die meiste Zeit war die Synchro überzeugend und passend. Ji Li als Nie Huaisang ist übrigens der einzige Darsteller, der sich selbst synchronisiert hat.

 
So ikonisch, dass jeder, der die Serie gesehen hat, diesen Screenshot sofort zuordnen kann.

Nun, wenn das Geld in Kostüme und Ausstattung geflossen ist, wo hat man dann gespart? Bei den Special Effects. Manches ist gut gelungen (z. B. die schwarzen Raucheffekte, wenn Wei Wuxian Dämonische Magie benutzt), aber vieles ist nicht gerade überzeugend. Gleich die erste Szene hat Schwerter, die offensichtlich nicht durch Hände oder in Körper stechen. Die wandelnde Statue und v. a. das Schildkröten-Schlangen-Hybrid-Monster sind aus einem mittelmäßigen bis schlechten B-Film aus den 2000ern. Und über den animatronischen Hund aus den 60ern hüllen wir lieber ganz den Mantel des Schweigens.
Aber die Schauspieler bemühen sich nach Kräften, das Ganze glaubwürdig rüberzubringen und tun was sie können. Und ehrlich gesagt sehe ich lieber schlechte CGI-Effekte als miese Kostüme - die tragen die Charaktere nämlich die ganze Zeit, während die Effekte nur hin und wieder zum Einsatz kommen. 

Es gibt für das Genre vergleichsweise wenig ausgedehnte Kampfszenen, die mal mehr, mal weniger gut choreografiert und gefilmt sind. In dieser Serie liegt der Fokus aber offensichtlich nicht auf ausgeklügelten Kampfszenen, sondern auf Charakterentwicklung und -interaktion, Drama, politischem Kommentar und Ähnlichem.

Besonderes Augenmerk wird tatsächlich auf den Einfluss der öffentlichen Meinung gelegt: Wie leicht lassen sich Menschen beeinflussen, wie schnell bringen Gerüchte jemanden zu Fall, wie schnell dreht sich die öffentliche Meinung, wenn nur die richtigen Leute etwas zu sagen haben oder wenn ein neuer Sündenbock gefunden wird?

Nein, dies ist keine Fanart, sondern ein offizieller Still aus der Serie

Sehr spannend auch zu sehen, wie unterschiedlich Charaktere mit Schuld umgehen; oder wie es sich auswirkt, wenn die Familie gewissen Erwartungen an einen stellt oder man unter sehr strikten Vorschriften aufgewachsen ist. Jeder der Hauptcharaktere hat sein Päckchen zu tragen und ist nicht ohne Trauma durch die Kindheit gekommen. Jedoch gehen alle unterschiedlich damit um und man kann sich ein wenig in Analysen verlieren, wenn man das möchte. Es gibt außerdem mehrere Parallelen zwischen den Charakteren, was ihre Ausgangslagen im Leben angeht, und welch unterschiedliche Wege sie einschlagen.

Wer sich nach diesem langen Sermon tatsächlich einmal an „The Untamed“ versuchen will, kann dies derzeit entweder auf Youtube oder Viki.com tun. Auf beiden Seiten liegt die komplette Serie mit englischen Untertiteln vor. Ich fand die Untertitel auf YouTube teilweise etwas einfacher zu lesen, Viki ist aber wohl etwas näher am Originaltext und hat keine Tonprobleme, dafür aber deutlich mehr Werbung.

Wer einen etwas fan-lastigeren Kommentar zur Serie lesen möchte, dem kann ich Aja Romanos Review empfehlen. Diverse Links in ihrem Artikel enthalten jedoch Spoiler.

Fazit: "The Untamed" bietet packende Charaktere in einer manchmal tragischen, manchmal richtig lustigen Handlung. Man sollte nicht alles auf Logik hinterfragen und auch die Special Effects Special Effect sein lassen. Genießt einfach die langsam entstehende Liebesgeschichte zwischen den Hauptcharakteren sowie die spannenden Verwicklungen zwischen den ganzen Charakteren. Ein guter Einstieg in die Welt der chinesischen TV-Dramen und dort eines von sehr hoher Qualität.

 

 
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Sonntag, 29. Dezember 2019

"Hamilton": Das Hitmusical der letzten Jahre in London



Wenn es in den letzten Jahren eine unglaubliche Erfolgsstory in der Theaterszene gab, dann ist es definitiv die des Hip-Hop-Musicals „Hamilton“. Die Show von Drehbuchautor/Texter/Komponist Lin-Manuel Miranda hat so ziemlich alles gewonnen, was es in der Branche zu gewinnen gibt (u. a. den Grammy, den Pulitzerpreis, und elf Tony Awards). Uraufgeführt Anfang 2015 am Off-Broadway und im Sommer desselben Jahres dann an den New Yorker Broadway gezogen, erfreut das Musical sich nach wie vor ungebrochener Beliebtheit beim Publikum und spielt täglich vor ausverkauftem Haus.

Miranda konnte bereits 2008 mit dem Musical „In the Heights“ einen großen Erfolg verbuchen (die Verfilmung mit Anthony Ramos kommt 2020 in die amerikanischen Kinos). Im Urlaub las er Ron Chernows 800-seitige Biografie über Alexander Hamilton (entspannende Strandlektüre!) und hatte auf einmal die Idee, aus Hamiltons bewegtem Leben ein Musical zu machen. 
Hamilton war einer der Gründerväter der USA und ihr erster Finanzminister; er kam als Waisenjunge aus der Karibik nach New York und arbeitete sich zügig zu George Washingtons rechter Hand hoch. Für seine Intelligenz und sein loses Mundwerk bekannt, womit er immer wieder aneckte und u. a. mit Thomas Jefferson aneinander geriet, machte er schnell politisch Karriere, heiratete mit Eliza Schuyler in eine angesehene Familie, und sorgte mit einer Affäre für den ersten Sexskandal der jungen Vereinigten Staaten. Er starb 1804 im möglicherweise berühmtesten Duell der jüngeren amerikanische Geschichte durch den damaligen Vize-Präsidenten Aaron Burr.

Im Dezember 2017 feierte „Hamilton“ in London Premiere. Das Victoria Palace Theatre wurde mit dieser Produktion nach umfangreichen Bauarbeiten, die eine völlige Neugestaltung der inneren Räumlichkeiten beinhalteten, wiedereröffnet. Seitdem können sich alle Beteiligten nun auch in London über ein ständig ausverkauftes Haus freuen.


 Da London nun einmal deutlich einfacher zu erreichen ist als New York, konnte ich mir die Möglichkeit natürlich nicht entgehen lassen, und habe diesen Oktober endlich mein aktuelles Lieblingsmusical live sehen können. Die Musik ist ein wunderbar abwechslungsreicher Mix aus Hip Hop, Rap, R&B, Soul und Jazz, mit der ein oder anderen Ballade und sogar ein bisschen Britpop (passenderweise für die kommentierenden Songs König Georges III.).
Das Musical kommt ohne Ouvertüre aus; das Publikum wird gleich in die Handlung geworfen, durch die uns Aaron Burr höchstpersönlich führt. Wir beginnen mit Hamiltons Ankunft in New York, folgen ihm über Heirat, Revolution, politischen Aufstieg und Fall, bis zu seinem Tod durch Burrs Hand. Einige der Darsteller spielen in den zwei Akten unterschiedliche Rollen, z. B. im 1. Akt Verbündete von Hamilton, im 2. Akt dann seine politischen Gegner oder seinen Sohn, während wir chronologisch voranschreiten.

Die Darsteller in der besuchten Vorstellung waren alle großartig, wobei diese Qualität natürlich für das West End typisch ist. Als Alexander Hamilton sahen wir die alternierende Besetzung Karl Queensborough, der Hamilton zu Beginn mit dem passenden jugendlichen Ungestüm spielt und seinen Wandel zum ernsthafteren, älteren Mann glaubhaft macht. Großartig war Rachelle Ann Go als Hamiltons Frau Eliza, die ebenfalls eine große Bandbreite an Emotionen in ihrer Rolle zeigen konnte. Ebenfalls sehr präsent war Sifiso Mazibuko als Aaron Burr, der diesen schwierigen Charakter gut in Szene setzte und mit netten kleinen Details aufwartete (z. B. das ständige Lächeln, das Burrs Paradesatz „Talk less, smile more“ gut unterstrich). Er ließ einen die zunehmende Frustration spüren, die Burr für Hamilton fühlte.
In den weiteren wichtigen Rollen glänzten Sharon Rose als Angelica Schuyler (mit ihrem hervorragenden Solo „Satisfied“), Dom Hartley-Harris als George Washington, Stephenson Ardern-Sodje als John Laurens/Philip Hamilton, Nuno Queimado als Marquis de Lafayette/Thomas Jefferson und Tarinn Calender als Hercules Mulligan/James Madison (beide mit vielen lustigen Momenten). Abgerundet wurde das Hauptensemble durch Courtney-Mae Briggs als Peggy Schuyler/Maria Reynolds und Aaron Lee Lambert als King George (der natürlich die großen Lacher auf seiner Seite hatte und seine Auftritte gehörig auskostete).


Großartig war es, neben den Songs nun endlich einmal das Staging, die Choreographie und das Lichtdesign bewundern zu können. Es gibt nur ein großes Bühnenbild und es wird mit sehr wenigen Requisiten gearbeitet, die vom Ensemble für Szenenwechsel eingebunden in die Choreographie herein- und wieder hinausgebracht werden. Es gibt eine Drehbühne in der Mitte, die sehr effektiv eingesetzt wird (z. B. für  die Zeitraffermomente in „Satisfied“ oder am Ende beim Duell zwischen Hamilton und Burr). Auf der Bühne ist oft viel los, das Tanzensemble ist großartig und übernimmt auch immer wieder die Rollen von Nebencharakteren.
Das sehr passende Lichtdesign rundete die Show sehr gut ab; einzelne Spots wurden für dramatische Momente eingesetzt (oder für einen komödiantischen Effekt); der Sound war ebenfalls bis auf wenige Ausnahmen sehr gut (nur Burr war in einzelnen Momenten nicht ganz so gut zu verstehen).

Ich bin unglaublich froh, dass ich die Show endlich sehen konnte. Durch die neue Ausstattung ist die Beinfreiheit im Victoria Palace Theatre auch gar nicht so schlecht, und unsere Plätze im 1. Rang (Royal Circle) waren ebenfalls wirklich gut. Man konnte die komplette Bühne problemlos einsehen und durch die steile Anordnung der Stuhlreihen stören auch große Menschen in der Reihe vor einem nicht.

Wer mit der Musik etwas anfangen kann, sollte sich „Hamilton“ in London auf keinen Fall entgehen lassen! Die Show ist ihren Preis definitiv wert.


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Sonntag, 18. November 2012

Guy Adams: "Sherlock:The Casebook"

"Don't buy this book. 
The author has transformed what should have been
 a series of lectures into a gross and tasteless entertainment."
- Sherlock Holmes, "The Casebook" 

BBC Books hat nun im November das von den Fans langersehnte "Casebook" zur Hit-Serie "Sherlock" herausgebracht und das Warten hat sich definitiv gelohnt. Bereits die Aufmachung gefällt: Ein handliches Hardcoverbuch mit Schutzumschlag und hochwertiger Papierqualität. Das Cover fällt mit seiner etwas ungewöhnlichen Gestaltung auf und im Innenteil des Schutzumschlages richten John und Sherlock höchstpersönlich ein paar Worte an die Leser (John gewohnt bescheiden, Sherlock gewohnt … charmant, s.o.).


Aber auch der Inhalt weiß zu gefallen. Mir kam es beim Lesen die meiste Zeit so vor, als hielte ich ein mit sehr viel Liebe und Herzblut gemachtes Fanbook in der Hand, denn so liest es sich. Locker und mit einem Augenzwinkern geschrieben, erfährt man selbst als sehr gut informierter Fan noch die ein oder andere Neuigkeit zur TV-Serie. Was meiner Meinung nach dieses Buch jedoch von ähnlichen seiner Sorte abhebt ist v. a. der geniale Einfall, die Fälle der Serie im Stile eines Sammelalbums zu präsentieren.
Alle sechs Folgen sind hier vertreten und werden genau beleuchtet – und zwar von Dr. John Watson höchstpersönlich. Er erklärt die Fälle anhand von Fotos, Notizen, Lageplänen, und (vermutlich gestohlenen) Polizeiberichten, und führt nebenher wunderbar verrückte Unterhaltungen mit Sherlock (und anderen) durch Post Its. Gerade Sherlocks häufig sarkastisch-giftigen Kommentare und Johns trockene Reaktionen darauf machen einfach richtig Spaß und bleiben der Serie jederzeit treu.


Die Abschnitte zwischen den Fällen sind unterhaltsam und informativ. Guy Adams beleuchtet die Anfänge der Serie - wie kamen Steven Moffat und Mark Gatiss überhaupt dazu, eine moderne Fassung von Arthur Conan Dolles beliebten Romanen zu realisieren? Und wie gingen sie später mit dem unerwarteten Erfolg um?

Außerdem erfahren wir mehr über die Konzeption der Charaktere Sherlock Holmes, John Watson und Jim Moriarty, wobei auch jedes Mal die Meinungen der jeweiligen Schauspieler eingebunden werden. Ein weiterer interessanter Abschnitt beschäftigt sich mit den verschiedenen "Sherlock Holmes"-Inkarnationen aus Film und Fernsehen mit besonderem Augenmerk auf die Rathbone- und Brett-Versionen, da diese die Macher deutlich beeinflussten. Fans der aktuellen Filme mit Robert Downey Jr. werden hier nicht fündig.


Nach jedem Fall wird außerdem auf kleine Anspielungen aus den Doyle-Romanen eingegangen; welche Dinge direkt übernommen wurden, was ein wenig verändert wurde, und welche weiteren Kleinigkeiten, die mit diesem Fall direkt nichts zu tun haben, eingefügt wurden.
Schließlich gibt es auch noch eine Bericht über Arthur Conan Doyle persönlich - über sein Leben mit besonderem Augenmerk auf sein Schaffen als Autor und wie er es nie schaffte, Sherlock Holmes loszuwerden, obwohl er doch nichts lieber getan hätte.


Fazit: "Sherlock: The Casebook" ist für Fans der Serie ein absolutes Muss. Aber auch alle anderen, die sich für Sherlock Holmes interessieren, liegen mit diesem unterhaltsamen Buch sicher richtig.


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Donnerstag, 28. Juni 2012

"Cabin Pressure": Wir wünschen Ihnen einen angenehmen Flug!

“Good afternoon, this is your captain speaking, just to say there is absolutely nothing to worry about.” 


Gleich vorneweg: Wer ein Faible für britischen Humor hat, kommt um diese von Pozzitive Productions für  BBC Radio 4 produzierte und von John Finnemore geschriebene Radiosendung nicht herum.

„Cabin Pressure“ ist eine Sitcom rund um die ziemlich, ähm, gewöhnungsbedürftige Crew einer kleinen Charter Airline. Diese Airline ist so klein, dass sie sogar nur ein einziges Flugzeug hat und somit eher ein "Airdot" als eine Airline ist – schließlich lässt sich ein Flugzeug schlecht in einer Reihe aufstellen. So findet zumindest die Eigentümerin (und CEO!) von MJN Air, Carolin Knapp-Shappey. Sie hat das Flugzeug als Ausgleich in der Scheidung von ihrem Mann erhalten und dementsprechend den Namen gewählt (MJN = My Jet Now). Neben ihr besteht MJN Air noch aus ihrem Sohn Arthur, der gleichzeitig der Stewart ist, und den beiden Piloten Martin Crieff und Douglas Richardson.

Arthur ist nicht grad die hellste Kerze auf der Torte, findet dafür aber alles „brillant“ (z. B. Eisbären oder die Sahara), hat immer gute Laune und quält die Piloten mit seinen wunderbaren Essenskreationen wie „surprising rice“ oder „fizzy joghurt“ (fizzy joghurt = joghurt + time). Martin ist der Captain und er wird nicht müde, dies bei jeder Gelegenheit zu betonen. Ansonsten ist er sehr pingelig, im Gespräch mit Frauen (und meistens auch sonst) ein nervöses Wrack und vom Pech verfolgt. Immerhin hat er seine Pilotenprüfung trotz aller Widerstände beim siebten Mal bestanden. Douglas ist der 1. Offizier, und ist nur bei MJN gelandet, weil er bei seiner früheren Fluggesellschaft ein paar krumme Dinger gedreht hat. Er kann alles, weiß alles, und falls dies einmal nicht der Fall sein sollte (so unwahrscheinlich dies auch ist), kann er sich völlig auf sein Glück verlassen. Douglas hat für jedes Problem eine Lösung, ist clever und nie um einen sarkastischen Kommentar verlegen. Er verschönert seine Arbeitszeit bei MJN damit, Martin in jedem Wortspiel zu schlagen und lukrative „Tauschgeschäfte“ mit Flughafenmitarbeitern aus aller Welt abzuhalten.


Zusammen ist für diese Truppe kein Auftrag zu bescheuert oder schwierig um angenommen zu werden, schließlich krebst MJN immer knapp an der Insolvenz vorbei. So fliegt man eben ein ganzes Orchester (inkl. einer hysterischen Fagott-Spielerin, die hinter jeder Kleinigkeit – z. B. abfallenden Armlehnen - ein Mordkomplott vermutet) nach Gdansk, oder eine arrogante Schauspielerin nach Cremona zum Filmdreh (und holt als Rache für ihr hochnäsiges Verhalten ihre Fans zur Hotelbelagerung). Manchmal macht man auch einen kleinen Abstecher in wunderbare Städte wie Qikiqtarjuaq, um eine Truppe Abenteuer-Touristen nahe an Eisbären heranzubringen, oder man fliegt den sehr reichen Mr. Birling zum Rugby-Endspiel nach wo-immer-es-dieses-Jahr-stattfindet. „Birling Day“ ist auch deshalb so wichtig, da Mr Birling a) gerne sehr viel Trinkgeld gibt, und b) Douglas jedes Jahr versucht, die extra für Mr. Birling beschaffte sauteure Flasche Talisker Whiskey zu stehlen, was unter allen Umständen verhindert werden muss.

Neben den überaus... interessanten Passagieren (oder auch nur Frachtgut, welches aber nicht minder bemerkenswert ist) wird die Unterhaltung an Bord hauptsächlich durch verrückte (Wort)Spiele bestritten, meistens zwischen Douglas und Martin und normalerweise mit der Käseplatte als Einsatz. So gibt es die „Travelling Lemon“, bei der eine Zitrone irgendwo im Flugzeug versteckt und vom anderen Mitspieler gefunden werden muss; oder „Passanger Derby“, bei dem darauf gewettet wird, welcher Passagier nach Erlischen des Anschnallzeichens als erstes die Toilette erreicht. Arthur ist auch ein großes Fan von „Yellow Car“, wenn man gerade einmal nicht fliegt, sondern per Auto unterwegs ist. Zu den beliebten Wortspielen gehören „Rhyming Journeys“ (ein Flug von Cork nach New York), „People who aren’t evil but have evil sounding names“ (z. B. Russel Crow), oder „Movies which sound more interesting with the last letter knocked off“ (und nein, „The Hound of the Baskerville“ zählt nicht…). Erwähnenswert ist auch noch die mittlerweile berühmte "Otter"-Diskussion - ist es möglich, sich tatsächlich 100 Seeotter vorzustellen? oder sagt man das nur so? Martin behauptet, er könne es... Berühmt ist diese Szene deshalb, weil sie sich unter den Fans irgendwie verselbstständigt hat. *g*

 Ein Radiohörspiel steht und fällt natürlich mit der Leistung der beteiligten Sprecher, die sich nicht hinter gutem Aussehen und dergleichen verstecken können. Sie müssen die Charaktere glaubhaft vermitteln und bei "Cabin Pressure" kommt noch hinzu, dass sie komödiantisches Talent und Timing brauchen, schließlich sind wir nicht in einem Drama. Finnemores Humor ist sehr britisch und manchmal ganz schön schräg - auf all die verrückten Touren der MJN Air-Crew muss man erstmal kommen! Zum Glück sind die beteiligten Schauspieler alle großartig in ihren Rollen.

Stephanie Cole als Carolyn Knapp-Shappey ist absolut überzeugend als resolute Dame im fortgeschrittenen Alter, die ihre Truppe gut im Griff und immer einen spitzen Spruch auf den Lippen hat. Das muss sie auch, denn die Jungs machen es ihr wahrlich nicht leicht, und wenn man noch mit einem Sohn wie Arthur geschlagen gesegnet ist… da muss man manchmal einfach die Zähne zusammenbeißen und sich auch an kleinen Dingen erfreuen, wie der Tatsache, dass man Qikiqtarjuaq aussprechen kann. Cole arbeitet seit mehreren Jahrzehnten in britischen Fernseh- und Theaterproduktionen und wurde u. a. für ihre komödiantische Leistung in der Serie „Waiting for God“ ausgezeichnet.

Roger Allam ist der Erste Offizier Douglas, ein echter (selbsternannter) Sky God, der sich mit Charme, Cleverness und Glück durchs Leben bewegt. Natürlich kommt er bei Frauen besonders gut an, weshalb er mittlerweile zum dritten Mal verheiratet ist. Allams tiefe, weiche Stimme passt perfekt zum sarkastischen Humor von Douglas. Dieser hat es aber auch wirklich schwer: Er muss sich trotz langjähriger Flugerfahrung mit dem Posten des 1. Offiziers begnügen, während Martin der Captain ist. Doch obwohl er es nicht lassen kann Martin zu ärgern, mag er ihn eigentlich doch ganz gern und hilft ihm auch schon mal, ein Piano durch Ottery St. Mary zu schieben. Allam ist besonders am britischen Theater aktiv. Er war u. a. als Inspektor Javert in der Erstaufführung von „Les Miserables“ und 2010 als Albin/Zaza in „La Cage aux Folles“ zu sehen. Bereits zwei Mal wurde er mit dem Laurence Olivier Award als Bester Hauptdarsteller ausgezeichnet, darunter für seinen Falstaff der 2010er Aufführung von Shakespeares „Henry IV“. Im Kino konnte man ihn u. a. in „Die Queen“ und „Immer Drama um Tamara“ sehen.

Captain Martin Crieff wird von Benedict Cumberbatch gesprochen, welcher Martins nervöse, arrogant-pingelige Art sehr gut trifft. Wenn etwas schiefgehen kann, dann tut es das bei Martin normalerweise auch. Er möchte sich immer beweisen, weswegen er auch die Position des Captain einem vernünftigen Gehalt vorzog. Problem: Er ist deshalb zumeist pleite, ist sich aber auch nicht zu schade als „Man with a Van“ zwischen Flügen Geld zu verdienen, um weiter seinem – zeitintensiven und teuren – Hobby nachgehen zu können. Cumberbatchs Karriere hat durch seine Hauptrolle in „Sherlock“ gewaltig an Fahrt aufgenommen. Schon vorher war er im britischen Film, Fernsehen und Theater häufig anzutreffen, und wurde zusammen mit seinem Co-Star Jonny Lee Miller für seine Leistung im Theaterstück „Frankenstein“ geehrt. Auf DVD kann man ihn u. a. in Spielbergs „Gefährten“, der Mini-Serie „Dr. Slippery“ (mit Hugh Laurie in der Hauptrolle) oder „Dame, König, As, Spion“ bewundern. Cumberbatchs Rolle als Sherlock Holmes konnte Finnemore in der Serie auch nicht völlig unkommentiert verstreichen lassen, sodass Martin sich in „Paris“ detektivisch betätigen darf und von Arthur ganz begeistert mit Miss Marple verglichen wird.


John Finnemore selbst gibt den Arthur, der mit seiner kindlichen Begeisterungsfähigkeit und Naivität die Crew manchmal an den Rand der Verzweiflung bringt. Aber man kann ihm doch irgendwie nicht böse sein. Ob er Fernsehantennen auf dem Dach des Flugszeugs sucht, jeden Flughafen nach der neuesten Toblerone-Variante abgrast oder lieber auf dem Fußboden des Hotelzimmer schläft statt im Bett (in einem Bett schläft er ja jede Nacht zu Hause), es ist eben Arthur. Seine Freundinnen haben meist Namen, die nach einem Schoßhund klingen (Minty...), und er hat einmal einen Kurs in Ipswich besucht, der ihm beigebracht hat, Leute zu „lesen“. Nicht, dass ihm dies irgendetwas bringen würde, aber dafür kann er sich in der Folge „Ipswich“ noch ein bisschen extra freuen, dass er die Stadt noch mal besuchen darf. Finnemore schreibt zumeist für BBC Radio 4, u. a. für „Dead Ringers“ und „The Now Show“. Für „Cabin Pressure“ gab es 2011 den Preis als Beste Radio Comedy der Writers Guild of Great Britain.

Neben den vier Hauptakteuren gibt es immer wieder kleine Nebenrollen, die ebenfalls stets passend besetzt sind. Besonders erwähnenswert ist der Charakter des Herc Shipwright, ebenfalls Pilot und dazu noch ehemaliger Kollege von Douglas. Shipwright wird von Anthony Head gesprochen, der hierzulande v. a. durch seine Rollen als Giles in „Buffy, die Vampirjägerin“ und Uther in „Merlin“ bekannt sein dürfte. Wie Herc und Douglas versuchen, sich in der Folge „Amsterdam“ gegenseitig im „Eine pilotenhafte Ansage mit besonders einschmeichelnder Stimme“-Machen zu übertreffen, ist einfach grandios.
Melanie Hudson ist ebenfalls toll als Nancy, die forsche Reisegruppenleiterin auf der Suche nach Eisbären, ebenso wie Britta Gartner als um ihr Leben fürchtende Fagott-Spielerin Madam Szyszko-Bohusz. Auch erwähnt werden muss der spanische Mechaniker Diego (Javier Marzan), der besonders gut darin ist Tiergeräusche nachzuahmen.

Noch ein paar technische Details: “Cabin Pressure” läuft seit 2008 und umfasst bisher drei Staffeln plus ein Weihnachtsspecial, eine vierte wurde bereits von Finnemore für Ende diesen Jahres angekündigt. Die Regie führt David Tyler und eine Folge ist 28 Minuten lang. Die Serie wurde von den Kritikern und vom Publikum sehr positiv aufgenommen und es wurden v. a. der großartige Humor und die perfekte Besetzung gelobt. Wer sich davon selbst überzeugen möchte, kann die Staffeln ohne Probleme z. B. bei Amazon kaufen. Und für alle, die Englisch nicht wie ihre Muttersprache beherrschen, gibt es hier Links zu den von Fans notierten Skripts.

Fazit: Damit habe ich diesen Post eigentlich begonnen. Also: Schräger britischer Humor und eine wunderbare, perfekte Besetzung! Außerdem: Skurrile Situationen, Sarkasmus, Wortspiele, Logisches Denken (oder auch nicht), Otter, verrückte Passagiere, eine beinahe (oder auch tatsächlich?) erfrorene Katze, Feuerschutzübungen, seltsame Städtenamen, billige Fake-Uhren aus China, die sieben Zwerge, die sieben Todsünden, Eisbären, illegale Pubs auf Flughäfen, Feuerwehrautos, metaphorisches Jaguarfutter, metaphorisches Kaninchenfutter, schottische Cricketspieler, Orchideen, Fischkuchen, Toblerone. 
Anders gesagt: Brillant!

Donnerstag, 5. April 2012

P. C. Cast & Kristin Cast: "House of Night 1 - Gezeichnet"


Nach dem unglaublich großen Erfolg der “Twilight“-Reihe von Stephenie Meyer war abzusehen, dass ein neuer Trend für den Jugendbuchsektor gefunden wurde: Vampire. P. C. Cast und ihre Tochter Kristin haben sich diesen Trend mit ihrer „House of Night“-Reihe sehr klug zu Nutze gemacht. Sie griffen die vorhersehbar kommerzielle Idee ihrer Agentin auf und erfanden das Vampir-Internat „House of Night“ – die ultimative Mischung aus „Twilight“ und „Harry Potter“, sozusagen. Zu Zeit liegen neun Bände vor, die Reihe ist noch nicht abgeschlossen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht die 16-jährige Zoey, ein durchschnittlicher amerikanischer Teenie mit den üblichen Problemen (schwieriges Elternhaus, Schule, Freunde...). Ihr vergleichsweise normales Leben ändert sich jedoch eines Tages schlagartig, als sie von einem Vampyr (ja, tatsächlich mit y) „gezeichnet“ wird, d. h. in ihr wurde die genetische Veranlagung erkannt, zum Vampyr zu werden, was sich durch ein halbmondförmiges Mal auf ihrer Stirn ausdrückt. Sie muss so schnell wie möglich ins House of Night, die nächstgelegene Vampirschule. Dort angekommen findet sie recht schnell eine Freundin in ihrer Zimmergenossen Stevie Rae, eine Feindin in Obertussi Aphrodite, und eine Mentorin in Neferet, die gleichzeitig die Schule leitet und Hohepriesterin der Vampyr-Göttin Nyx ist.
Zoey sticht gleich dadurch heraus, dass sich ihr Mal auf der Stirn schon komplett eingefärbt hat, was sonst nur bei vollständig gewandelten Vampyren passiert. Zoey will nichts Besonderes sein, merkt aber schnell, dass Nyx anscheinend ihre schützende Hand über sie hält. Auch geht bei ihr die Wandlung zum erwachsenen Vampyr schneller voran als üblich. Diese Wandlung wird jedoch, wie Zoey bald herausfindet, nicht von allen Jungvampyren überlebt. Als wären das nicht schon Probleme genug, verliebt sie sich auch noch in Erik Night, den heißesten Jungen der Schule – nur hatte der früher eine Beziehung mit Aphrodite, und die lässt sich nicht so leicht zur Seite schubsen.


Ein Vergleich mit „Twilight“ bietet sich ja geradezu an. Und dabei kommt der erste Band der „House of Night“-Reihe immerhin etwas besser weg. Die Charaktere sind brauchbar, so ist mir die Protagonistin Zoey sympathischer als Bella, was allerdings auch nicht besonders schwer ist, und wirklich sympathisch ist sie auch nicht. Ihre Charakterzeichnung ist nicht gerade tiefgründig, aber immerhin pflegt sie durchaus Freundschaften und empfindet sie nicht als Bürde (so wie es mir bei Bella immer vorkam), liebt ihre Großmutter und sorgt sich um sie und macht ihren Lebenssinn nicht davon abhängig, ob der heiße Typ sie nun will oder nicht. Allerdings zeigt sie jetzt schon deutliche Ansätze, eine dieser überperfekt-besonderen Protagonistinnen zu werden, die einfach alles immer sofort können und immer im Mittelpunkt jeglichen Geschehens stehen und der natürlich auch alle Männer hinterherlaufen (zwischen denen sie sich noch weniger entscheiden kann als Bella).
Die anderen Charaktere sind absolute Stereotypen, gingen mir aber immerhin nicht auf die Nerven. So haben wir das lustig-süße Cowgirl als beste Freundin, den intellligenten Quotenschwulen, die blonde Obertussi (die ständig ihre weiblichen Reize einsetzt) nebst Tussi-Clique, die verständnisvolle indianische Großmutter, den oberheißen Traumtypen usw. Somit waren natürlich einige Entwicklungen vorhersehbar, aber prinzipiell könnte man da was draus machen.

„Gezeichnet“ liest sich sehr schnell und ist hin und wieder auch ganz lustig. Die Autorinnen haben sich auch einige Gedanken über die Vampir-Welt gemacht und das Ganze so aufgebaut, wie man sich vielleicht einen Hexenkult vorstellen würde, mit Dankeszeremonien für die Götten Nyx und Ähnlichem. Dem Zölibat haben sich diese Vampire auch nicht verschworen.

Kommen wir nun zu den negativen Aspekten, denn nur weil „Gezeichnet“ besser ist als „Twilight“, heißt das noch lange nicht, dass es wirklich gut ist.
Was gleich als erstes auffällt, ist die Sprache. Kristin Cast hat wohl über die Geschichte ihrer Mutter drübergelesen und sie „jugendlicher“ gemacht. Und meine Güte, hat mich das genervt. Im Laufe des Buches habe ich mich zwar daran gewöhnt, aber wie oft hier mit Ausdrücken wie „Schlampe“ und dergleichen um sich geworfen wird, das muss nun wirklich nicht sein. Manchmal riss mich das komplett aus der Szene, weil es so gar nicht passte. Nervig waren auch die vielen, zumeist vollkommen sinnlosen und unwichtigen, Anmerkungen Zoeys in Klammern. In Maßen kann das ein ganz unterhaltsames Stilmittel sein (ich benutze es ja selber gern *g*), aber hier war es einfach zu viel. Diese Anmerkungen bezogen sich oft auf irgendwelche Berühmtheiten wie z. B. Paris Hilton oder Ashton Kutcher, und ich frage mich, was die 1.) überhaupt hier zu suchen haben, und 2.) wie aktuell das in zehn Jahren wohl noch sein wird.

Dann wird auch hier wieder ein fragwürdiges Ideal propagiert. Zwar wird hier nicht wie in „Twilight“ die Botschaft vermittelt, dass die Frau brav immer auf ihren Mann hören muss, und dieser ruhig so kontrollierend sein darf wie er möchte, aber einiges stieß mir doch sauer auf. Denn: Vampire sind wunderschön. Immer. Überirdisch schön. Frauen haben lange Haare, sind schlank, aber mit Kurven an genau den richtigen Stellen und sind immer elegant und doch sexy gekleidet. Die Männer sehen ebenfalls aus wie Models und bedienen verschiedene Typen. Eigentlich handelt es sich bei der hier beschriebenen Vampirgesellschaft um ein Matriarchat, dennoch sabbern gerade die Mädchen immer irgendwelchen älteren Jungvampiren hinterher. *seufz* Naja, ist ja in der Realität auch oft nicht anders. Es nervt nur einfach, es angeblich so ganz anders zu machen, und dann doch wieder auf dieselben Klischees zu treffen, v. a. wenn dann der einzige Charakter, der aus dem Rahmen fällt, von allen offensichtlich gemobbt wird und selbst nichts auf die Reihe kriegt.
Vom immer wiederkehrenden erhobenen Zeigefinger fange ich am besten gar nicht erst an (Nehmt keine Drogen, trinkt keinen Alkohol! Und O-Sex ist so ziemlich das Schlimmste, was eine Frau tun kann!).


Sauer aufgestoßen ist mir auch der Elite-Gedanken in der hier beschriebenen Vampirgesellschaft. Einerseits haben wir auch hier wieder einen Teil der Vampire, der absolut gar nichts von den Menschen hält und sie am liebsten loswerden würde. Kennt man aus anderen Geschichten zu Genüge, und wird hier sicher auch zum ein oder anderen vorhersehbaren Konflikt führen.
Aber selbst unter den Vampiren geht es darum, machtvoll zu sein und perfekt. Wenn ein Jungvampir zu schwach ist, die Wandlung zu überstehen, stirbt er eben. Blöd gelaufen. Darüber wird dann natürlich auch nicht mehr geredet, die erwachsenen Vampire tun so, als wäre nichts passiert, schließlich kann es ja jeden treffen. Wer jedoch zum erwachsenen Vampir wird, ist einfach perfekt, super, Krone der Schöpfung.
Was diese Verstorbenen angeht, wird vermutlich noch etwas Dramatisches in den Folgebänden passieren, aber ehrlich gesagt bin ich von den negativen Aspekten zu angenervt, als dass ich mir weitere Bücher dieser Reihe durchlesen möchte. Eine Zusammenfassung auf Wikipedia tut’s sicherlich auch.

Die Handlung rast dahin; ich hatte das Gefühl, dass nicht mehr als 3 Tage vergangen sind, in denen Zoey gezeichnet wurde, in das Internat einzieht, Freunde und Feinde gewonnen hat, der Frauenschwarm der Schule sich in sie verliebt, sie immer mächtiger wird usw. Gleichzeitig gibt es jedoch ständige Wiederholungen, wie z. B. die Beschreibung des Rituals für die Göttin Nyx, die ich später einfach übersprungen habe. Da hätte man ruhig kürzen können.

Fazit: Naja. Mir hat „Gezeichnet“ zumindest besser gefallen als „Twilight“, aber es hat eine Menge Fehler und guten Gewissens empfehlen kann ich es wirklich nicht.


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Dienstag, 16. August 2011

Stephenie Meyer: "Bis(s) zum Morgengrauen"


Ich habe das erste Buch der "Twilight"-Reihe gelesen. Es hat mir nicht gefallen. Natürlich war mir aufgrund der Filme bewusst, dass ich nicht allzu viel erwarten durfte - aber ist ein Buch nicht normalerweise besser als dessen Verfilmung? Und diese riesige Fanmasse - irgendwoher musste die doch kommen! So wurde meine investigative Seite geweckt und ich musste dieses Phänomen komplett erforschen, musste an die Quelle gehen.

Für die wenigen Leute, die es bisher irgendwie geschafft haben, dem "Twilight"-Hype komplett zu entgehen (Glückwunsch!... Wie habt ihr das geschafft? Die letzten Jahre in einer Höhle im Dschungel verbracht?!), hier kurz zur Handlung (ich benutze diese Bezeichnung im weitesten Sinne): Bella Swan zieht vom sonnigen Phoenix zu ihrem Vater ins grau-regnerische Forks. Sie findet das ziemlich blöd, aber selbstlos wie sie ist, lässt sie sich es kaum anmerken. In der Schule wird sie auf Edward Cullen aufmerksam, der wunderschön und unnahbar ist. Sie ist von ihm fasziniert, er von ihr, nur ist er dummerweise ein Vampir. Komplikationen treten auf, dauern an, werden überwunden.

Stephenie Meyer ist es irgendwie gelungen, mit diesem Buch einen Nerv zu treffen, und zwar v. a. bei jugendlichen Mädchen und Frauen über 40 (ja, ich weiß auch nicht, wieso! Es gehört zum Phänomen dazu und ist irgendwie beängstigend.). Bei vierzehnjährigen Mädchen kann ich mir auch vorstellen, dass es ganz gut ankommt - es lädt zum schmachten ein und bietet viel Identifikationspotential. Außerdem weiß der Großteil der Mädchen in diesem Alter vermutlich nichtmal, wie wirklich gute Literatur aussieht. Frauen über 40 haben keine Entschuldigung. Keine!

Es folgen Spoiler. Nicht, dass ich irgendwelche bahnbrechenden Handlungswendungen spoilern könnte...

Was ist gut?
Nicht besonders viel. Hin und wieder hat Meyer ein paar lichte Momente und findet lustige Formulierungen oder einen ironischen Kommentar. Das passiert leider viel zu selten, aber ab einem gewissen Punkt war ich dankbar für jeden winzigen Strohhalm, den ich kriegen konnte.

Interessant fand ich den Hintergrund der Familie Cullen bzw. das bisschen, was man darüber erfährt. Meyer hat die Tendenz, damit ganz gut anzufangen und dann die Szene schnell wieder zu wechseln. Dabei war all das wesentlich interessanter als die Hauptgeschichte, aber dazu später. Anhand der Film erahne ich, dass Meyer dem Leser diese Informationen nur häppchenweise serviert; ärgerlich, irgendwo ist da nämlich tatsächlich ein gutes Buch versteckt.
Als Charaktere mochte ich, genau wie schon im Film, alle Cullens bis auf Edward. *g* Auch Jacob war ganz in Ordnung, in den wenigen Momenten, die er hat.

Die Sprache ist sehr einfach und damit leicht zu lesen. Ist man geneigt, dann kann man das Buch in wenigen Stunden auslesen. Nervig sind einige Wiederholungen - Meyer hat anscheinend Lieblingsphrasen, die sie immer wieder einsetzt, besonders wenn es darum geht, Edwards Perfektion zu beschreiben. *seufz*


Was ist schlecht?
Alles andere? Ach, ihr wollt es etwas ausführlicher? Nun denn, dann mal schön der Reihe nach.

Bella. Problem: Ich kann sie absolut nicht ausstehen! Was ungünstig ist, da sie die verdammte Protagonistin und noch dazu Ich-Erzählerin ist! Quält euch mal durch über 500 Seiten Ich-Perspektive von einer egoistischen, langweiligen, pubertären Göre, die erste Verliebtheit mit ewiglich inniger, einzig wahrer Liebe verwechselt! Nach den ersten fünf Seiten hatte ich das Weib sowas von über! Sie meckert darüber, dass sie ins eklig-nasse Forks ziehen muss zu ihrem Vater, den sie kaum kennt, weil ihre Eltern sich vor Ewigkeiten trennten (und viel zu jung heirateten und überhaupt). Und sie will da nicht hin und es ist einfach alles doof! In Forks spielt sie brav Hausmütterchen für ihren Vater, der sich die letzten 16 Jahre ja nicht allein versorgen konnte. Und ich frage mich: 1. Warum ziehst sie nach Forks, wenn sie gar nicht hin will und ihre Mutter sagt, sie könne bei ihr bleiben?! Ach, weil der Leser drei Kapitel später erfährt, dass sie das aus purer Selbstlosigkeit macht, damit ihre Mutter mit ihrem neuen Macker durch die USA ziehen kann. Alles klar. 2. Warum bleibt sie dann nicht allein in Phoenix und versorgt sich selbst, kochen und putzen kann sie ja anscheinend?! 3. Was ist soooo unglaublich schlimm an Forks, außer dass es häufig regnet?
Bella will natürlich auch bloß nicht auffallen, war auch schon immer jemand, der mit Gleichaltrigen nicht wirklich auskam, und ist dazu noch total einsilbig, als in der Schule gleich alle nett zu ihr sind! Echt mal, wie können diese Dörfler es wagen, ihr den Weg zeigen zu wollen oder ihr ihre Namen zu nennen, oder sie mit sich am Tisch sitzen zu lassen! Ehrlich, sowas Unverschämtes! Ganz abgesehen davon, dass sie sofort von Verehrern umschwärmt wird, obwohl sie nicht einmal besonders gut aussieht. *seufz*
Dazu ist sie unglaublich tollpatschig. Wäre es nur ein Stolpern hin und wieder, okay. Aber sie schafft es nicht, zwei Meter zu laufen, ohne sich auf die Nase zu legen. Sie passt beim Aufstehen immer extragründlich auf, damit sie nicht hinfällt! Kann es solch schlimme Bewegungslegastheniker überhaupt geben?! Irgendwann nervt es nur noch, wenn zum hundersten Mal erwähnt wird, dass Edward sie festhalten musste, damit sie nicht über die bösen Farnsträucher fällt.
Hobbies hat sie auch kaum welche. Ich habe extra drauf geachtet, weil sie in den Filmen gar keine hat (nein, das suizidiale Motorradfahren zählt nicht!). Sie liest gerne, v. a. Klassiker. Sie hört ganz gern Musik. Hm... tja... sie verbringt am liebsten Zeit mit Edward.


Edward. Da ist mein zweites Problem! Der ist ja noch mehr leere Hülle als Bella. Er hat eine große Musiksammlung und komponiert auch selbst. Er spielt gern Vampirbaseball (as you do). Er rennt gern durch den Wald. Und hat eine Lieblingswiese. Ansonsten ist er einfach nur ein wirklich unheimlicher Stalker. Denn seht ihr, er ist ein Vampir und für ihn riecht Bella so unglaublich gut, dass er nur noch sie im Kopf hat. Und deshalb beobachtet er sie ständig, rettet ihr hin und wieder das Leben, lässt sie nichts alleine machen (sie darf nicht mal mehr ihren eigenen Wagen fahren, denn sie könnte ja einen Unfall haben), sieht ihr beim Schlafen zu, ohne dass sie es weiß - und sie findet es romantisch. Hallo?! Ihr kennt euch seit wenigen Wochen!
Ich vergaß zu erwähnen, dass Edward gut aussieht. Wie gut? Er ist ein Engel, eine griechische Statue, ein Adonis, so wunderschön, dass Bella kaum atmen kann, wenn sie ihn anschaut, so schön ist er. Er ist wirklich sehr schön. Wirklich. Wie ein Engel. Ein ganz wunderschöner.
Mir gingen Edwards Stimmungsschwankungen sehr schnell sehr stark auf die Nerven. Der Typ ändert seine Laune innerhalb eines Satzes! Von fröhlichem Kichern zu wütendem Knurren in einem Wimpernschlag! Aber das ist natürlich nur sein Beschützerinstinkt.

Die "Liebe" zwischen Edward und Bella. Was ist das? Die beiden haben so gut wie nichts gemeinsam! Sie liebt ihn, weil... er heiß aussieht, schätze ich mal, und sie von ihm fasziniert ist, er ist schließlich ein mysteriöser Vampir und so. Da Bellas Überlebensinstinkt nicht-existent ist, ist das wohl okay so. Und er liebt sie, weil... sie gut riecht. Und er ihre Gedanken nicht lesen kann, was sie für ihn wohl leidlich interessant macht.
Es ist ja ganz nett, dass Meyer versucht, Bella sozusagen als Edwards Rettung zu etablieren, da er, im Gegensatz zu seinen "Geschwistern" , seit hundert Jahren alleine vor sich hin schmollt und keine Partnerin hat. Nur möchte ich als Leser ein paar Gründe mehr dafür haben, dass das zwischen Bella und Edward die wirklich große Liebe ist. So, wie es ist, schreit es mir förmlich ins Gesicht: "Das ist Liebe, weil ich es sage!" Show, my dear, don't tell!
Ganz abgesehen davon, dass die Beziehung nicht gerade eine gesunde ist: Er ist ein Stalker, sie kann nicht ohne ihn leben (sie denkt nur an ihn, macht ihr Glück von ihm abhängig usw.). Meyer versucht zwar, uns Bella als modernes Mädchen zu präsentieren, scheitert aber immer wieder kläglich. Bella will zum Vampir werden, um ewig mit Edward zusammen bleiben zu können und ihm ebenbürtig zu sein. Kurz darauf kommen dann wieder Sätze wie "Er ignorierte, was ich sagte". Und das passiert ständig! Andauernd sagt Bella ihre Meinung zu irgendetwas und Edward beachtet es gar nicht, denn er weiß ja am besten, was gut für sie ist und was sie wirklich will! ... Hallo?!

Handlung. Wenn man das so nennen kann. Zirka 400 Seiten lang passiert nichts! Alles tritt auf der Stelle, Bella und Edward haben zum x-ten Mal ihre Unterhaltung darüber, dass er nicht gut für sie ist und sie umbringen könnte, wenn er die Kontrolle verliert, während ihr das egal ist und sie nur mit ihm zusammensein will. Und plötzlich, so als ob Meyer einfiel, dass langsam doch mal etwas passieren sollte oder, nun ja, ein richtiger Konflikt auch mal ganz nett wäre, tauchen drei andere Vampire auf, von denen einer es auf Bella abgesehen hat. Ein leicht konfuser Plan soll Bella retten, aber sie schafft es natürlich trotzdem, wieder beinahe draufzugehen.
Leider viel zu spät, Meyer. Aber es ist ja der Gedanke, der zählt, nicht wahr?

Action. Es gibt keine. Ich meine, da hätten sich ein paar Szenen durchaus für interessante und spannende Action angeboten, wäre Meyer eine flexiblere Autorin - das Baseballspiel hätte man deutlich rasanter schildern können, und die letzte Konfrontation im Ballettsaal? Das war peinlich. Da hat man schon mal einen Kampf, und da lässt Meyer die blöde Bella wieder mal in Ohnmacht fallen, sodass dem Leser selbst dieser Hauch an Spannung vorenthalten wird! Unglaublich!

Klischees. Gibt's auch. Von der ach-so-konfliktbeladenen Liebesgeschichte einmal abgesehen, nervt es, dass Bella sofort von allen Mitschülern umschwärmt wird. Sie muss ständig gerettet werden, da sie alleine ja nicht einmal geradeaus laufen kann - natürlich gibt es dabei die beinahe schon obligatorische Beinahevergewaltigung, wovor sie der strahlende Held (im Volvo der Gerechtigkeit) gerade noch rechtzeitig retten kann. Von der Sprache mit ihren ständigen "Engel"- und "Statuen"-Vergleichen einmal abgesehen. Das "starke Arme"-Klischee wird hier auch sehr überreizt, da Edward anscheinend kalt und hart wie Stein ist. Ich weiß zwar nicht, wie Bella das angenehm finden kann, aber egal.

Und dann noch alle möglichen anderen Kleinigkeiten, die sich einfach summieren. Fehler innerhalb der Welt, wenn Meyer einmal sagt, dass Vampire nicht atmen, schlafen oder einen Herzschlag haben, nur damit Bella ständig ganz schwindelig von Edwards wunderbarem Atem wird. Ja, was denn nun? Atmet der Typ jetzt oder nicht?! Und wie das später mit dem Baby funktionieren soll, will sich mir aufgrund dessen auch nicht erschließen, aber egal!

Ach, was soll's. Die Fortsetzungen werde ich aus morbider Faszination wohl auch noch lesen. Es ist schrecklich, aber ich kann nicht weggucken.


Erklärungsversuch
Warum kommt dieser Kram denn dann so gut an? Wisst ihr, ich glaube, ich bin für diese Bücher einfach zu alt. Bella als Protagonistin ist absolut flach, sodass sie unglaublich viel Platz für den Leser bietet, sich an ihrer Stelle zu sehen. Und Edward steht natürlich stellvertretend für den starken Traumprinzen, der einen immer beschützt und tugendhaft ist. Vampire sind ja gemeinhin immer Sinnbild von Erotik, Leidenschaft und Versuchung. Warum Meyer ihnen aber genau diese Eigenschaften beinahe vollständig raubt, will mir nicht so ganz einleuchten. So ist das ntaürlich alles ganz sicher und brav und rein... aber das ist nicht Sinn einer Vampirgeschichte, verdammt!

Vielleicht war die Zeit einfach da für ein Buch mit Vampiren, egal welche Qualität es denn hat, und Meyer war einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Die Geschichte hat ja auch durchaus Potential, irgendwo tief versteckt in diesem Schnulzenbrei. Ich sag auch nichts gegen die Änderung der üblichen Vampireigenschaften - dann glitzern Meyers Vampire eben, haben irgendwelche besonderen Fähigkeiten wie Gedankenlesen oder Weissagung. Und die Mädchen möchten einfach ein bisschen von diesem tollen Vampir träumen, der sich in eine durchschnittliche Sterbliche verliebt und nun gegen seinen Instinkt ankämpft.

Irgendwie sowas wird es wohl sein. Das Marketingelement der Vampirgeschichte, ein nettes gothicmäßiges Buchcover, Wunscherfüllung durch die Protagonisten... Warum das vierzigjährige Frauen toll finden, weiß ich aber immer noch nicht! Aber immerhin hat man auch für diese Altersgruppe Merchandise-Angebote (wenn wohl auch nicht offziell lizensiert *g*).

Fazit: Langweilige Handlung, uninteressante bis unsympathische Protagonisten und nur hin und wieder ein kleiner erzählerischer Lichtblick - ich kann den Hype absolut nicht nachvollziehen.


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Sonntag, 3. Juli 2011

M. M. Kaye: "Die gewöhnliche Prinzessin"


Dank Bookcrossing durfte ich in den Genuss dieses reizenden Märchens kommen und möchte dem Buch einen zumindest etwas größeren Bekanntheitsgrad verschaffen. Ich liebe Märchen und bin, wie es sich gehört, mit den ganzen Klassikern von Grimm und Andersen aufgewachsen.

"Die gewöhnliche Prinzessin" handelt von Amethyst, der siebten Tochter des Königs von Phantasmorania. Alle ihre Schwestern sind so, wie Prinzessinnen eben sind: Bildschön, mit langen goldenen Haaren, strahlend blauen Augen und zart-weicher Haut. Und Amethyst? Nun, sie wurde bei ihrer Taufe von einer Fee mit einem - für eine Königstochter - ganz besonderen Geschenk bedacht: Gewöhnlichkeit. Mausbraune Haare, graue Augen, Sommersprossen - nein, so sieht eine Prinzessin nicht aus. Immerhin ist Amy, wie sie von allen genannt wird, aber ein ganz patentes Mädchen und nimmt ihr Leben schließlich selbst in die Hand (die Idee mit dem Drachen ist aber auch wirklich viel zu bescheuert!).

Mary Margaret Kaye schrieb das Buch für ihre Enkelin, nachdem sie einige Zeit viele Märchen am Stück gelesen hatte und ihr aufgefallen war, dass die Prinzessinnen immer alle mehr oder weniger gleich aussahen, v. a. aber stets wunderschön und überhaupt perfekt waren. Und so fragte sie sich: "Wie würden denn die ganzen Prinzen reagieren, wenn die holde Prinzessin einfach ganz gewöhnlich aussähe? Sie würden sie nicht wollen." So schrieb sich die Geschichte quasi von allein.

Und was für eine schöne Geschichte es ist! Amy kommt ganz gut damit zurecht, dass sie nicht so großartig aussieht wie ihre Schwestern, denn sie verbringt ihre Zeit nicht mit langweiligen Ballspielen, sondern verdrückt sich gern in den naheliegenden Wald. Und sie hat durchaus ihren eignene Kopf; von den ganzen steifen Prinzen will sie nichts wissen - die haben ja noch nicht einmal Sinn für Humor. Und weil sie eine gewöhnliche Prinzessin ist, verbringt sie für einige Zeit sogar ein absolut gewöhnliches Leben - aber wie das im Märchen ist, geht die Geschichte natürlich für sie hervorragend aus und alle leben glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

Nie schwingt Kaye die Moralkeule, Lektionen wie "Man muss sich selbst treu bleiben" oder "Wenn du einen guten Charakter hast, dann wird dir selbst Gewöhnlichsein nicht im Weg stehen" werden so nebenbei erteilt, aber eigentlich freut man sich einfach nur beim Lesen über die sich locker-leicht entfaltende Handlung, den leisen Humor, die kleinen Anspielungen auf andere Märchen und die schön gezeichneten Charaktere (durchaus wörtlich zu nehmen: Kaye hat das Buch nämlich auch illustriert).

Fazit: Wunderschönes Märchen, dass ich jedem ans Herz lege, der selbst gern Märchen liest oder Kindern eine schöne Gutenacht-Geschichte erzählen möchte! Uneingeschränkt zu empfehlen!

Donnerstag, 3. März 2011

Die böse Sesamstraße: "Avenue Q"


Zugegeben, ein dreiviertel Jahr Verspätung ist ganz schön viel und jaaa, ich schäme mich sehr. Aber nun, anlässlich der vorige Woche stattfindenden deutschsprachigen Erstaufführung in St. Gallen, habe ich mich zu einer Kritik von "Avenue Q" hinreißen lassen.

Zwei Freundinnen und ich haben dieses Musical letztes Jahr während unseres Urlaubs in London besucht, nicht ahnend, dass die Show nach fünf Jahren Laufzeit im Oktober geschlossen werden würde. Sehr schade, ich wäre beim nächsten Urlaub gerne wieder reingegangen.

Kurz zur Handlung: Princeton hat seinen Collegeabschluss in der Tasche und sucht händeringend nach einer bezahlbaren Unterkunft. Dabei landet er irgendwann in der Avenue Q - sieht alles etwas schäbig aus, aber die Leute scheinen ganz nett zu sein, allerdings haben sie genauso wenig eine Ahnung, was sie mit ihrem Leben anfangen wollen wie er. Passt also perfekt. Da gibt es den etwas trotteligen Vermieter Brian und dessen resolute chinesische Freundin Christmas Eve, den ehemaligen Kinderstar Gary Coleman, Rod und Nicky, die sich eine Wohnung teilen, und... Kate Monster, in die sich Princeton sofort verliebt. Zu den diversen folgenden Verwicklungen tragen zwei "Bad Idea Bears" und die mondäne Lucy T. Slut bei. Chaos, bescheuerte Träume, eine Hochzeit, Sex, fahrlässige Körperverletzung, Scientology - in der Avenue Q findet man das alles. Und manchmal auch gute Freunde.

Dieses Musical verlangt den Darstellern wirklich viel ab. Es gibt nur drei menschliche Rollen: Brian, Christmas Eve und Gary Coleman, alle anderen Darsteller spielen mindestens zwei Puppen. Und das ist richtige Arbeit - wie da manchmal in Sekundenschnelle von der einen zur anderen Puppe gewechselt wird, wie die Darsteller ihre Stimmen entsprechend sofort anpassen müssen und man es als Zuschauer als absolut glaubwürdig erachtet, das ist beeindruckend! Hinzu kommt, dass sie nicht nur die Puppen lebendig werden lassen, sondern sich die Emotionen in ihrer Mimik und Körperhaltung widerspiegeln. Unterhaltung pur.

Besonders krass ist z. B. der Unterschied zwischen Kate Monster (niedlich, schüchtern, mit sanfter Stimme) und Lucy T. Slut (erotisch hauchende Stimme, anzügliche Sprüche), die beide von derselben Darstellerin gespielt werden (bei unserem Besuch von der Zweitbesetzung Rachel Jerram, großartig).
Ganz große Klasse war auch Paul Spicer als Princeton bzw. Rod - man wusste aufgrund seiner Art zu sprechen sofort, welche Figur er gerade darstellte; Rod hatte immer einen leicht verklemmten Touch in der Stimme, aber er ist ja auch derjenige, der definitiv, absolut hundertprozentig, vollkommen überhaupt nicht schwul ist.
Super waren auch Jacqueline Tate und Siôn Lloyd als Christmas Eve und Brian; absolut liebenswert und verdammt lustig. Der Publikumsliebling der menschlichen Charaktere war jedoch ganz klar Gary Coleman, gespielt von Delroy Atkinson. Er war ganz einfach supersympathisch, hat einige der besten Srpüche und dazu noch eins der erinnerungswürdigsten Lieder ("You can be as loud as the hell you want [when you're making love]" inkl. Puppen, die wilden Sex haben... man muss es einfach selbst gesehen haben, es war zum Schreien komisch).

Bei den Puppencharakteren räumte Tom Parsons als Nicky / Trekkie Monster (Kates Bruder) am meisten ab. Seine Mimik allein war urkomisch, aber dann hat er mit Trekkie auch noch die verrückteste / kultigste Figur abbekommen. Trekkie ist eine riesige Puppe, und es musste immer ein zweiter Darsteller mitmachen, um sie zu bewegen. Er besteht nur aus Fell und verlässt sein Zimmer so gut wie gar nicht, sondern hockt den ganzen Tag vor dem Computer. Und er erteilt seiner Schwester (und dem Publikum, oh ja!) eine Lektion: "The internet is for porn!". Wie er das rübergebracht hat, später vorne am Bühnenrand stehend mit einem Blick ins Publikum, der ganz klar sagte: "Ich weiß, was ihr alles für versaute Kerls seid!" *g* Der Applaus wollte gar nicht mehr aufhören...


Sowieso, die ganzen Charaktere sind wunderbar. Hinzu kommen noch die Bad Idea Bears, die Princeton ständig dazu drängen, sich zu besaufen oder Kate flachzulegen... und dabei aussehen wie die Glücksbärchis. *g* Dann lebt die Show auch noch von wirklich hübschen Einfällen (eine überdimensionale Kate in einem Albtraum; Bildschirme, die hin und wieder bestimmte Stellen visuell unterstützen; Lucy T. Sluts Nahtoderfahrung, der Lauf ins Publikum, um Geld für Kates Schule zu erbetteln...), hat ein sehr funktionales, aber liebevoll gestaltetes Bühnenbild... und ist einfach richtig schön böse. *g* Die Charaktere sind teilweise klar an die Sesamstraße angelegt, z. B. erinnert Trekkie an das Krümelmonster, aber ganz besonders deutlich wird es bei Nicky und Rod, die eigentlich Ernie und Bert in anderen Farben sind.

Und dann die Lieder! Das wirklich Gemeine an ihnen ist: Sie sind verdammte Ohrwürmer! Nur kann man sie nicht laut singen, weil sie so schöne Titel haben wie "The internet is for porn", "Everyone's a little bit racist", "It sucks to be me" oder "If you were gay" (sooooo grandios-lustig!). Dann noch das für den Charakter oberpeinliche "My grildfriend who lives in Canada", und einer der für uns unterhaltsamsten Songs: "Schadenfreude". Ja, in englisch gibt es kein Wort für Schadenfreude, und es wird dann auch entsprechend erklärt: "Schadenfreude is German and means taking pleasure in the misery of others". - "Yes, that's very German." *g* Ja, wir haben laut mitgelacht - schließlich wurden Chinesen, Afro-Amerikaner, Juden und ich weiß nicht wer noch alles genauso politisch unkorrekt durch den Kakao gezogen. Neben uns saßen zwei amerikanische Mädels, die wohl erstens überrascht waren, dass wir das lustig fanden (vor Beginn der Show hatten wir uns ja auf Deutsch unterhalten), und die es generell toll fanden, wie die Darsteller ständig "Fuck" und "Shit" sagten. *g* Jaja, das freigeistige Europa... ;)

Der Saal war ausverkauft und die Stimmung war großartig, wie bei einer Party. So muss ein toller Musicalbesuch sein.

Ich hoffe, dass die deutsche Version ebenso großartig ist und dass die Übersetzung gelungen ist; das dürfte nicht bei allen Liedern so leicht gewesen sein. Aber St. Gallen ist ja durchaus für Qualität bekannt, von daher mach ich mir da keine großen Sorgen.

Alles in Allem eine großartige, unterhaltsame Show - wer mit den Songtiteln etwas anfangen kann und nicht bei leicht unkorrektem Humor sofort auf die Palme geht, der wird "Avenue Q" lieben!
Ich hoffe, dass wir auch hier Deutschland bald in den Genuss dieses Musicals kommen werden.


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Montag, 10. Januar 2011

Yann Martels "Schiffbruch mit Tiger"


Ich bin gerade in der passenden Stimmung, also folgt mal wieder eine Buchrezension. "Schiffbruch mit Tiger" wurde 2002 mit dem Booker-Preis, dem wichtigsten britischen Buchpreis, ausgezeichnet und was für ein erfrischend anderes Buch man zur Abwechslung gewählt hat!

Die Hauptfigur des Buches ist der indische Junge Piscine Molitor Patel, kurz Pi genannt. Als Sohn eines Zoobesitzers in Pondicherry aufgewachsen, wurde ihm die Faszination für alle möglichen Wildtiere sozusagen in die Wiege gelegt. Als Jugendlicher fängt er dann an, sich für Glaube und Religion zu interessieren - ein wenig seltsam, sind doch seine Eltern nicht gerade religiös. Pi jedoch ist so fasziniert, dass er zu seinem Hindu-Glauben auch noch den des Islam und des Christentums annimmt. Aufgrund schwieriger politischer Verhältnisse beschließt sein Vater, mit der Familie und diversen Zootieren nach Kanada auszuwandern. Unglücklicherweise sinkt das Schiff nach nicht allzu langer Fahrt mitten im Pazifik - einziger menschlicher Überlebender ist der mittlerweile sechzehnjährige Pi. Vollkommen allein ist er jedoch nicht - das Rettungsboot muss er sich mit einem ausgewachsenen bengalischen Tiger teilen.

Klingt alles irgendwie reichlich abgedreht. Ein Teenie, der gleich drei Religionen angehört, sitzt mit einem Tiger in einem Rettungsboot mitten im Pazifik. Und doch funktioniert es. Ich hatte nicht erwartet, dass das Buch mich so sehr fesseln könnte wie es das dann letztendlich tat.

"Schiffbruch mit Tiger" ist in drei ungleiche Abschnitte unterteilt. Der erste beschreibt Pis Jugend in Pondicherry; man erfährt, welche Menschen ihn beeinflusst haben, wie es dazu kam, dass er gleich drei Religionen annahm, was er durch die Zootiere alles über Wildtiere im Allgemeinen lernte. Gerade der religiöse Aspekt des Buches hatte mich im Vorhinein abgeschreckt. Solche Themen kommen ja gern mit erhobenem Zeigefinger. Aber Martel stellt keine Religion als die "bessere" heraus und ein Streitgespräch zwischen Predigern der drei großen Weltreligionen führt die uralten Vorurteile sogar wunderbar vor.
Dieser Abschnitt erscheint manchen Leuten wohl etwas langatmig (wenn man nach diversen Kritiken geht) - ich fand ihn jedoch sehr angenehm zu lesen. Außerdem sind viele Informationen für spätere Ereignisse wichtig; manche Kleingkeit ergibt sogar erst am Ende vollkommen Sinn.

Abschnitt zwei ist der längste und behandelt Pis Zeit als Schiffbrüchiger. Man möchte meinen, dass gerade dieser Abschnitt nicht besonders spannend sein kann - Pi treibt in einem Boot auf dem Meer, um ihn rum nichts als Wasser, über ihm der unendliche Himmel, und mit im Boot ein Tiger. Aber Martel schafft es, dass gerade dieser Abschnitt besonders interessant und spannend wird. Pis tiefes Innenleben wird nicht offengelegt, und doch hat man das Gefühl, bei ihm zu sitzen unter der sengenden Sonne, ausgemergelt und fast verdurstet. Die Verzweiflungs Pis wird greifbar, wie der Überlebenswille ihn dazu zwingt, sich immer wieder selbst zu überwinden.

Der letzte Abschnitt ist nur sehr kurz und spielt nach Pis Rückkehr in die Zivilisation (damit verrate ich nicht zu viel, der Ausgang der Handlung ist von Anfang an kein Geheimnis - und gerade deshalb ist es umso erstaundlicher, dass Martel die Spannung im Mittelteil halten kann). Und was für eine überraschende Wendung eben in diesem Kapitel noch auf den Leser wartet - sehr gut! Das Ende regt zum Nachdenken an - und ich hätte die Frage nicht anders beantwortet. *g*

Ein gewisser Wille muss beim Leser vorhanden sein, sich auf dieses Buch einzulassen. Es ist kein Krimi, keine Romanze, kein Actionreißer. Es ist ein kleiner Exot, aber genau deswegen gibt es Bücher - um ein klein wenig Magie zu versprühen, den Leser in eine andere Welt zu entführen. "Schiffbruch mit Tiger" ist stellenweise richtig lustig, es ist dramatisch, traurig, eklig, grausam, versöhnlich, hoffnungsvoll. Martel schreibt meist sehr klar und leicht, manchmal auch sehr detailliert. Ein Vorwort des Autors gibt Einblick darin, wie er überhaupt dazu kam, dieses Buch zu schreiben. Die Kapitel sind im ersten Abschnitt hin und wieder von Eindrücken Martels, der sich mit Pi trifft, unterbrochen und teilweise auch sehr kurz - warum es so viele sind, wird im Buch ebenfalls erklärt. :)

Alles in allem ein wirklich empfehlenwertes Buch - ein bisschen anders als die anderen Bücher da draußen, aber gerade deshalb sehr liebenswert und dazu noch intelligent und zum Nachdenken anregend. Für mich ein grandioser Start ins Lesejahr 2011.


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Samstag, 27. November 2010

Carlos Ruiz Zafón: "Der Schatten des Windes"

Ehrlich gesagt sollte an dieser Stelle endlich mal wieder eine Filmkritik stehen. Die kommt aber dann wohl doch eher morgen. Jetzt muss ich erst einmal meiner Begeisterung für "Der Schatten des Windes" Luft machen!

"Bücher sind Spiegel: Man sieht in ihnen nur, was man schon in sich hat."

Der junge Daniel lernt durch seinen Vater, einem Buchhändler im Barcelona der Nachkriegszeit, den "Friedhof der Vergessenen Bücher" kennen. In dieser riesigen Bibliothek darf er sich ein Buch aussuchen. Er entscheidet sich für "Der Schatten des Windes", welches ihn in seinen Bann zieht. In den folgenden Jahren macht er sich daran, etwas über den Autor Julián Carax herauszufinden, von dem aber niemand zu wissen scheint, ob er überhaupt noch lebt. Immer mehr gerät Daniels Leben zu einer Wiederholung vergangener Ereignisse und nur langsam wird ihm bewusst, welch schlafende Hunde er mit seinen Nachforschungen geweckt hat.

Ich bin hin und weg von diesem Roman. Gekauft habe ich ihn mir wegen der überaus positiven Kritiken und weil mich die Handlung ansprach. Hätte ich die letzten Wochen mehr Zeit gehabt, hätte ich ihn vermutlich an einem Tag ausgelesen, denn es handelt sich um eines dieser Bücher, das man nicht mehr aus der Hand legen will, wenn man erst einmal mit dem Lesen angefangen hat. Es lässt einen nicht mehr los.

Die Geschichte um das Mysterium Julián Carax ist großartig erzählt, mit vielen Rückblenden, durch die dem Leser immer deutlicher bewusst wird, wie die Parallelen zwischen Daniels und Juliáns Leben mehr und mehr zunehmen. Der Schreibstil ist sehr flüssig zu lesen, mit atmosphärischen Beschreibungen, aber auch häufig mit einem gewissen ironischen Unterton, der das Ganze noch einmal extra unterhaltsam macht.

Die Charaktere sind absolut greifbar und hervorragend ausgearbeitet. Daniel ist ein ausgezeichneter Protagonist, bei Weitem nicht perfekt, aber er macht eine deutliche Entwicklung durch und ist mir richtig ans Herz gewachsen. Noch mehr ans Herz gewachsen ist mir aber Fermín Romero de Torres, ein ehemaliger Spion und nach Ende des Bürgerkriegs in Ungnade gefallen, der Daniel in einer misslichen Lage hilft und von diesem zum Dank in der Buchhandlung angestellt wird. Er hilft Daniel tatkräftig bei seinen Nachforschungen, ist dazu ein kleiner Schwerenöter und nicht auf den Mund gefallen. Mit Beatrix Aguilar, Schwester von Daniels Freund Tomás, der Femme-Fatale-ähnlichen Nuria Montfort oder der bezaubernd schönen Penélope hat der Roman auch einige interessante Frauenfiguren zu bieten.
Am Rande des Ganzen droht der Schatten von Inspektor Javier Fumero, berüchtigt für seine Skrupellosigkeit und Gewaltbereitschaft, der auf der Suche nach Fermín ist. Eine wirklich hassenswerte Gestalt.

Ich fand es faszinierend zu sehen, wie sich die Puzzlestückchen um Caraxs Vergangenheit nach und nach zusammensetzten - häufig lief mir bei mancher Wendung oder Auflösung ein kalter Schauer über den Rücken. Wie Zafón die einzelnen Fäden miteinander verwebt, bis sie ein klares Ganzes ergeben, ist grandios und fesselnd bis zum Schluss.

Obwohl die Handlung hauptsächlich im Barcelona der 50er Jahre spielt und auch tatsächlich real sein könnte, habe ich beinahe das Gefühl, einen ausgeklügelten Fantasy-Roman gelesen zu haben. Ich kann nicht genau erklären, warum. Vermutlich liegt es an der Grundstimmung des Romans; voller Geheimnisse, mit vielen Charakteren, die etwas zu verbergen haben, und dann noch angesiedelt im fernen Barcelona vergangener Zeit.

Ich glaube, mit dem folgenden Absatz von S. 13 war es um mich geschehen:

"Einmal hörte ich einen Stammkunden in der Buchhandlung zu meinem Vater sagen, wenige Dinge prägten einen Leser so sehr wie das erste Buch, das sich wirklich einen Weg zu seinem Herzen bahne. Diese ersten Seiten, das Echo dieser Worte, die wir zurückgelassen glauben, begleiten uns ein Leben lang und meißeln in unserer Erinnerung einen Palast, zu dem wir früher oder später zurückkehren werden, egal, wie viele Bücher wir lesen, wie viele Welten wir entdecken, wieviel wir lernen oder vergessen. Für mich werden diese verzauberten Seiten immer diejenigen sein, die ich auf den Gängen des Friedhofs der Vergessenen Bücher fand."

"Der Schatten des Windes" ist eines der besten Bücher, das ich je gelesen habe. Ich habe gelacht. Ich habe geweint. Mehrmals. Vor Rührung, vor Trauer, vor Freude. Ich habe mir Zitate aus dem Buch geschrieben, was ich sonst nie tue. So muss wohl ein gutes Buch sein, denke ich.

Unbedingte Kaufempfehlung.