
Ein schwieriges Buch. Es ist jetzt ein paar Wochen her, dass ich es gelesen habe, und mir fällt es immer noch schwer es einzuschätzen oder zu bewerten.
„Unter Null“ (1985) ist Ellis’ erster Roman, aber er dürfte wohl v. a. als Autor von „American Psycho“ bekannt sein, welches 2000 mit Christian Bale in der Hauptrolle verfilmt wurde. Ich habe die Buchvorlage nicht gelesen, da mir von einer Freundin, die das Buch für die Uni lesen musste und mit mir über die Hauptfigur diskutierte, von einigen sehr derben Szenen erzählte, die – zum Glück! – nicht den Weg in den Film fanden.
Mit dem Wissen um den „American Psycho“-Roman fiel mir beim Lesen von „Unter Null“ sehr schnell auf, dass Ellis gerne immer wieder dieselben Themen verwendet: Entfremdung, Werteverfall, verrohte Spaßgesellschaft, Drogen/Gewalt/Sex-Exzesse, Reduzierung auf Äußerlichkeiten, Gefühllosigkeit, innere Leere. Dabei schreibt Ellis in einem sehr einfachen, direkten Stil – es wird nicht drum rum geredet oder beschönigt. Früher lag mir dieser Stil mehr als heute. Er passt aufgrund seiner Kälte natürlich hervorragend zur Handlung, aber er machte mir den Zugang zum Roman nicht unbedingt einfacher.
Kurz zur Handlung: Clay kommt in den Semesterferien vom College zurück in seine Heimatstadt Los Angeles und trifft dort seine alten Bekannten wieder. Er bewegt sich in der Upper Class, Drogen gehören zum Alltag, genauso wie möglichst viele Partys. Clay findet nicht wirklich Zugang zu seinen früheren Freunden, der Umgang ist oberflächlich, Unterhaltung drehen sich um die nächste Party oder wer mit wem geschlafen hat. Als er wahrnimmt, dass die Gewalt um ihn herum immer mehr zunimmt und dass es die anderen offensichtlich nicht zu stört bzw. sie daran noch Spaß haben, wird ihm bewusst, dass da etwas gewaltig schief läuft. Allerdings versucht er auch kaum bis gar nicht, etwas daran zu ändern.
Der Ich-Erzähler Clay ist in gewisser Weise ein frustrierender Protagonist. Er hat an nichts wirklich Interesse, ist ständig lustlos und fügt sich irgendwie in seine Umgebung ein. Selbst als sich die Gewaltexzesse immer mehr zuspitzen und es am Ende zu einer wirklich verstörenden Szene kommt (die aber im Grunde zu erwarten war...), ist er zwar schockiert, tut aber nichts, was helfen könnte, außer zaghaft Bedenken zu äußern und zu gehen.
Vermutlich wirkt der Roman deshalb ziemlich stark nach. Ellis’ greift Themen wie Verrohung der Gesellschaft, Fehlen von zwischenmenschlichen Beziehungen usw. immer wieder in seinen Romanen auf, und auch hier führt er es einem deutlich vor Augen. Direkt am Anfang bekommt Clay von einer Freundin zu hören, „Die Leute werden immer rücksichtsloser.“ und er selbst kommt ständig an einem Werbeplakat mit der Aufschrift „Verschwinde von hier“ vorbei. Ellis arbeitet viel mit diesen Wiederholungen, um die Thematik zu verstärken.
Es ist krass zu sehen, wie es Clays Bekannte (denn Freunde kann man sie wirklich nicht nennen) überhaupt nicht interessiert, dass Leute aus ihrer Umgebung an Drogen sterben, dass sich einer aus der Clique wegen Schulden und Heroinsucht prostituiert, dass Leichen in Hinterhöfen liegen (die geht man sich höchstens sensationsgeil anschauen). Und dass dieses Verhalten für alle normal zu sein scheint. Nur Clay und vielleicht noch seine Freundin Blair fühlen sich nicht wohl damit, aber keiner versucht, etwas zu ändern.
Wäre möglicherweise ein interessantes Buch für eine Schulanalyse, ist aber dafür sicherlich zu hart und explizit. Ich bin nach wie vor in einem Zwiespalt. Ich fand das Buch nicht gut in dem Sinne, dass es sich unterhaltsam las oder dass ich es gerne wieder lesen möchte. Aber die angesprochenen Themen und die schonungslose Darstellung wirken bei mir lange nach – zwar mag Ellis eine fiktive Welt in den 80ern nutzen, aber die Tatsache, dass ich mir sie ohne Weiteres als realistisch vorstellen kann, ist erschreckend.



